Die nigerianische Terrormiliz Boko Haram hat in einer Audio-Botschaft dem Islamischen Staat (IS) die Treue geschworen. Was hinter dieser Ankündigung steckt – und welche Folgen sie für Afrika, den Nahen und Mittleren Osten oder sogar Europa haben könnte.

"Wir verkünden unsere Treue zum Kalifen und werden ihm gehorchen in schlechten und guten Zeiten" – mit diesen Worten soll Abubakar Shekau, der Anführer von Boko Haram, dem Islamischen Staat Gefolgschaft geschworen haben. Noch gibt es keine hundertprozentige Klarheit, ob die am Samstag bei Twitter verbreitete Nachricht tatsächlich von Shekau stammt. Auch eine Reaktion vom Islamischen Staat (IS) steht noch aus – laut der Nachrichtenagentur AP könnte das drei bis vier Wochen dauern. So viel Zeit ließ sich die Terrororganisation bei ihren anderen Ablegern in Libyen und Ägypten für die Anerkennung.

Dennoch ist die Nachricht brisant. Boko Haram kämpft seit 2009 für einen islamischen Staat in Nigeria. Mit ihrer aktuellen Ankündigung schließt sich die Terrormiliz einer Reihe von anderen radikalislamischen Gruppierungen an, die sich zum IS bekannt haben.

Wie gefährlich ist die neue Terrorallianz?

"Es geht darum, den umliegenden Staaten zu imponieren", sagt Curti Covi, Terrorexperte am Institut für Sicherheitspolitik der Universität Kiel. "Man will zeigen: Auch wir sind ein Teil des globalen Gefüges." Der IS verstehe sich auf Propaganda und psychologische Kriegsführung. "Da will man sich dran hängen, weil man diese Fähigkeiten selbst nicht hat", sagt Covi.

Laut dem amerikanischen Nigeria-Experten Jacob Zenn näherten sich die Videos von Boko Haram zuletzt den Medienproduktionen des IS an, mit ähnlichen Einstellungen, Szenen und Schnitten. Nun wollen sie offenbar nicht länger nur kopieren, sondern kooperieren. Bereits im Februar berichteten US-Medien von möglichen Verbindungen zwischen den beiden Terrororganisationen. Die Ankündigung vom Wochenende scheint die Annäherung zu konkretisieren.

Terrorexperte Covi sieht in dem mutmaßlichen Treueschwur jedoch vor allem einen Propaganda-Zug. Es sei unwahrscheinlich, dass der IS Kader oder Waffen nach Nigeria liefere. "Sie haben derzeit mehr als genug im eigenen Hinterhof zu tun." Kurdische Kräfte und andere Milizen setzten den IS derzeit militärisch massiv unter Druck. Finanziell stehe Boko Haram durch kriminelle Geschäfte selbst ganz gut da. Aber warum dann überhaupt der Treueschwur?

Treueschwur ein Zeichen der Schwäche?

Der psychologische Effekt, als Teil des Islamischen Staats zu gelten, soll der afrikanischen Terrormiliz wohl einen Schub geben. Und den kann Boko Haram derzeit gut gebrauchen, schließlich sind sie in den letzten Wochen durch Armeeoffensiven selbst stark unter Druck geraten. Am Sonntag erst hatten Nigerias Nachbarländer Niger und Tschad eine neue Offensive gegen die Islamisten gestartet. "Die Ankündigung, dem IS die Treue zu schwören, kann auch als Zeichen der Schwäche gedeutet werden", sagt Carlo Koos, Sicherheitsexperte am GIGA Institut für Afrika-Studien in Hamburg. Die Annäherung an den IS wäre demnach vor allem ein Signal an die eigenen Anhänger, um sie zu motivieren und zu zeigen: Wir sind nicht alleine.

Auch der Islamische Staat profitiert von solchen Treueschwüren. "Sie hängen dadurch die Konkurrenz wie Al Kaida ab", sagt der Kieler Terrorexperte Covi. Bislang war es deren Strategie, regionale Ableger zu gründen. Mit der Übernahme des Modells gewinnt der IS Einfluss unter potenziellen Anhängern weltweit. Droht damit in Zukunft eine neue supranationale Terrororganisation? Die Experten glauben, dass der Fokus sowohl Boko Harams als auch des IS vorerst regional begrenzt bleiben wird.

"Boko Haram ist sehr stark auf die Errichtung eines islamischen Kalifats in Nigeria ausgerichtet", sagt Koos vom GIGA Institut für Afrika-Studien. "Auch wenn es militärische Angriffe auf Dörfer in Kamerun gab, beschränken sich die politischen Ziele derzeit auf den Norden Nigerias."

Es bestehe zwar die Gefahr, einer weiteren Destabilisierung der Region, da Gruppen wie Boko Haram Leerräume besetzen, die schwache Regierungen entstehen lassen. Die Gefahr, die von ihnen für Europa ausgeht, schätzt Koos aber gering ein. Ebenso Terrorexperte Covi: "Das Ziel des IS ist die Errichtung eines islamistischen Staates. Dazu muss man den nahen Feind bekämpfen, das heißt, die korrupten Regierungen vor Ort."