Lukaschenkos Gegner organisieren den Aufstand in Belarus mithilfe der Chat-App Telegram, den wichtigsten Kanal "Nexta" leitet Stepan Putilo. Dagegen ist der Autokrat machtlos.

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Alexander Lukaschenko hat einen Gegner, den er nicht zu fassen bekommt. Er ist gerade einmal 22 Jahre alt, sitzt rund 500 Kilometer südwestlich von Minsk, in Warschau: Stepan Putilo. Der Student aus Belarus leitet den Telegram-Kanal "Nexta", was "Nech-ta" ausgesprochen wird, das belarussische Wort für "jemand".

Ein Gesicht für die Unzufriedenen

"'Nexta'- das ist jeder Belarusse, jede Belarussin, die Veränderungen möchte und von Lukaschenko genug hat", sagt Putilo im Skype-Interview. "Wir veröffentlichen ihre Videos und Fotos, geben ihnen eine Plattform, zeigen, was im Land geschieht."

"Nexta" ist mittlerweile der einflussreichste Kanal der Protestbewegung. Putilo gibt den Unzufriedenen Gesicht und Stimme, macht sichtbar, was das Staatsfernsehen so nicht zeigt: Bilder von Studenten, die von Sicherheitskräften zu einem Gefangenentransporter gezerrt werden; Videos von demonstrierenden Frauen, sie kreisen schwarz gekleidete Beamte der Sonderpolizei ein, bis diese sich zurückziehen; Videos von misshandelten Protestierenden, die ihre von Striemen und Blutergüssen übersäten Körper präsentieren, Folgen der Prügel und Folter durch Sicherheitsbeamte; Drohnenaufnahmen von jeweils mehr als hunderttausend Menschen, die sich in Minsk allein Sonntag für Sonntag versammeln und Lukaschenkos Rücktritt fordern.

Es ist eine Revolution von unten, ohne Anführer, die sich vor allem über die Messenger-App Telegram organisiert, insbesondere über "Nexta".

"Das Internet abzuschalten, war Lukaschenkos größter Fehler"

Über 2,1 Millionen Abonnenten zählt Putilo inzwischen auf seinem Hauptkanal "Nexta Live", der aktuell über die Ereignisse in Belarus informiert. Etwa zwei Drittel der Nutzer seien Landsleute, sagt Putilo. Belarus hat gerade einmal 9,5 Millionen Einwohner. "Nexta Live" ist der meistgelesene russischsprachige Telegram-Kanal, weltweit liegt er auf Platz acht der beliebtesten Kanäle. Zum Vergleich: Das unabhängige belarussische Medium Tut.by kommt gerade mal auf über 370.000 Nutzer.

"Das Internet abzuschalten, war Lukaschenkos größter Fehler", sagt Franak Viačorka, Minsker Journalist und Medienberater, der auch für den US-Thinktank Atlantic Council schreibt. "Dadurch hat er Telegram zur treibenden Kraft der Proteste gemacht." Der autoritäre Machthaber ließ tagelang den Zugang zu den meisten Websites und Internetdiensten blockieren, nachdem noch am Wahlabend des 9. August Proteste gegen die massiven Wahlfälschungen begonnen hatten.

Das Regime versuchte auch, Telegram zu stören. Doch Gründer Pawel Durow kündigte einen Tag später auf Twitter "Anti-Zensur-Instrumente" an, seitdem läuft die App weitgehend stabil in Belarus. Experten vermuten dahinter das sogenannte Domain Fronting. Dabei verschleiert Telegram seine Adresse, sodass es von außen aussieht, als ob die Nutzer eine ganz andere Domain ansteuerten.

Eine unkontrollierbare Medienmacht

Innerhalb weniger Tage wuchs die Zahl der Abonnenten von "Nexta Live" auf das Siebenfache, die Bilder des Kanals verbreiteten sich weltweit. Putilo hat inzwischen Durows direkten Kontakt, "falls es wieder einmal technische Probleme gibt, kann ich ihn erreichen." Er erzählt es, als ob es das Normalste der Welt sei, spricht ruhig, in kurzen Sätzen. Durow schirmt sich sonst strikt von der Außenwelt ab, äußert sich selten öffentlich.

"Nexta" ist zu einer Medienmacht geworden, für den 66-jährigen Lukaschenko kaum noch kontrollierbar. Das sei Ergebnis einer jahrelangen Entwicklung, sagt Viačorka. "Vor zehn Jahren hat Lukaschenko die Opposition nach den Wahlen faktisch beseitigt. Die Bürgergesellschaft verlagerte sich ins Virtuelle." Putilo, sagt der Minsker Journalist, sei ein Patriot, "zurückhaltend, aber kämpferisch". Beide gehören zum Kreis der Absolventen des Jakub-Kolas-Lyzeums in Minsk, eines privaten Gymnasiums, gegründet von kritischen belarussischen Intellektuellen. Es orientierte sich nicht an den offiziellen Lehrplänen des autoritären Regimes, wurde deshalb 2003 verboten - und ging in den Untergrund.

Putilos Vater ist ein bekannter Sportjournalist und Moderator beim kritischen Sender Belsat mit Sitz in Warschau. Schon als 17-jähriger Schüler veröffentlichte Putilo auf seinem YouTube-Kanal "Nexta" ein erstes Spottlied über Lukaschenko ("Wir haben keine Wahl"), nannte ihn einen abgefahrenen Reifen. Später sorgte er mit dem Film "Die Straftaten Lukaschenkos" für Aufmerksamkeit, der auf YouTube mehr als drei Millionen Mal angeklickt wurde. Seine Wohnung wurde durchsucht, ein Verfahren wegen Präsidentenbeleidigung gegen ihn eröffnet. Deshalb lebt Putilo seit 2018 ständig in Warschau.

200 Nachrichten pro Minute zu Spitzenzeiten

Inzwischen bedroht ihn das Regime in Minsk mit einer Strafe von bis zu 15 Jahren Haft. Der Vorwurf: Er habe angeblich Massenunruhen in Belarus organisiert. "Die ersten, die gewalttätig und aggressiv wurden, waren die Sicherheitsbeamten, nicht die Demonstranten", sagt Putilo dazu.

"Nexta Live" veröffentlichte die ersten Bilder von verletzten Protestierenden, getroffen von Gummigeschossen und Blendgranaten der Sondereinheiten. Bis zu 200 Nachrichten pro Minute erreichen Putilo und sein Team zu Spitzenzeiten: Videos, Fotos, Textnachrichten, die Belarussen anonym schicken. Bei der Masse an Informationen gelinge es kaum, alles genau zu überprüfen, "das ist eine große Verantwortung, die wir übernehmen", gibt er zu. Er hat selbst einige Zeit bei Belsat als Journalist gearbeitet, heute bezeichnet er sich als Aktivist und Blogger.

Sein "Nexta"-Team bestand lange aus drei Mitarbeitern, inzwischen ist noch einer hinzugekommen, weitere sollen folgen. "Wir konzentrieren uns auf Videos und Fotos, 97 Prozent der Informationen sind geprüft", sagt Putilo. Das Team habe Informanten in den Ministerien, Sicherheitsbehörden und dem Militär, "zuletzt wurden es etwas weniger, weil einige gekündigt haben, aber wir haben immer noch gute Quellen".

Seinen Kanal sieht Putilo als Informationsangebot und "Sprachrohr" zugleich. "Nexta live" veröffentlicht regelmäßig Aufrufe, wo genau sich die Menschen versammeln sollen. Als etwa am Sonntag der Unabhängigkeitsplatz im Minsker Zentrum weitgehend abgesperrt war, informierte der Kanal über eine neue Route zur Residenz von Lukaschenko.

"Das Vertrauen ist groß"

Dabei koordinieren sich die "Nexta"-Leute in Warschau mit Informanten vor Ort: Einige sitzen an den Computern, andere sind bei den Demonstranten, berichten über die Lage vor Ort. "Das ist eine eingeschworene Gemeinde, man kennt sich seit Jahren. Das Vertrauen ist groß." Auffällig ist, dass andere beliebte belarussische Telegram-Kanäle wie "Belarus' Gehirn" ("Belarus Glownowo Mosga") und "Mein Land Belarus" ("Maja Krajna Belarus"), diese Routen ebenfalls verbreiten. "Wir tauschen uns regelmäßig mit den Leitern anderer Kanäle, Aktivisten und Menschenrechtlern aus, um über Strategien zu diskutieren, zu entscheiden, wie wir weitermachen", sagt Putilo. Namen will er nicht nennen, um niemanden zu gefährden.

Der Druck ist zuletzt enorm gestiegen. "Das Regime versucht alles, um uns als bezahlte Marionetten des Westens darzustellen", sagt er. "Das ist totaler Unsinn, wir leben von Spenden." 40.000 Dollar hätten sie von rund 1000 Spendern erhalten, die Hälfte an die Opfer der Repression weitergegeben.

Regime zahlt für Reposts

Inzwischen versucht das Regime, auf Telegram zurückzuschlagen. Nach Informationen des SPIEGEL wird Verwaltern von beliebten belarussischen Kanälen bis zu 460 Euro für einen Repost, etwa eines Kurzvideos des Staatsfernsehens, angeboten. Dem SPIEGEL liegen Chats vor, die Zahlungen für solche Dienste in russischen Rubel belegen.

Putilo versucht nun, so wenig wie möglich nach draußen zu gehen: "Einige Bedrohungen gegen uns sind sehr real, wir müssen vorsichtig sein." Er habe von vertrauenswürdigen Quellen beim KGB erfahren, dass eine Operation in Warschau geplant sei, "um uns und unser Büro zu liquidieren", erzählt er. Er und seine Mitarbeiter stehen inzwischen unter dem Schutz der polnischen Behörden, halten sich an unterschiedlichen Orten in Warschau auf. Auch Putilos' Mutter, Mitarbeiterin einer Universität, hat Belarus verlassen, lebt nun in Polen.

Putilo stellt sich auf einen längeren Kampf ein, Lukaschenko werde vor allem der wirtschaftliche Druck schaden, glaubt er. Der Kurs des belarussischen Rubels ist bereits gefallen, und das wertet er als gutes Zeichen. "Wir müssen weitermachen, nicht nachlassen." Belarus habe sich in den vergangenen Wochen sehr verändert. "Wer hätte gedacht, dass Arbeiter eines Staatsbetriebs Lukaschenko 'Hau ab' zubrüllen?" Diese Entwicklung könne der Machthaber nicht so einfach umkehren.

"Wir werden gewinnen", sagt "Nexta"-Gründer Putilo, "es dauert, wie lange, ist schwer zu sagen, aber wir werden gewinnen."  © DER SPIEGEL