Nachdem ein philippinischer Frachter beinahe die "USS Fitzgerald" versenkt hätte, ermitteln die Behörden. Hat ein technischer Fehler die Havarie ausgelöst - oder doch menschliches Versagen?

Das Unglück, das die "USS Fitzgerald" um ein Haar zum Sinken gebracht hätte, ereignete sich gegen 2:20 Uhr Ortszeit vor der Küste Japans, rund 56 Seemeilen südwestlich der US-Marinebasis Yokosuka.

Die Mehrheit der Seeleute an Bord des US-Zerstörers wurde im Schlaf überrascht, als der Bug des Containerschiffs "ACX Crystal" das Kriegsschiff an Steuerbord rammte.

Die "Crystal" hat wie viele Frachtschiffe einen Wulstbug. Bei voller Ladung liegt der tropfenförmige Vorbau unterhalb der Wasserlinie. Diese Konstruktion könnte den Seeleuten auf der "USS Fitzgerald" zum Verhängnis geworden sein: In der Bordwand des Kriegsschiffs sei ein "klaffender Spalt unter Wasser", so US-Vizeadmiral Joseph Aucoin.

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Beschädigt wurde ein Teil des Schiffs, in dem sich auch Schlafkojen der Besatzung befinden, die bei dem Unglück plötzlich geflutet wurden. "Sie hatten nicht viel Zeit", so Aucoin.

Nach der Kollision hatte die US-Marine sieben vermisste Seeleute gemeldet. Aucoin teilte mit, Rettungskräfte hätten mehrere Leichen geborgen. Eine genaue Zahl nannte er nicht. Die Toten wurden zur Identifizierung in ein Marinekrankenhaus in Yokosuka gebracht

Schiffskapitän Bryce Benson war nach der Havarie per Hubschrauber ausgeflogen worden. Der Bug der "Crystal" hatte sein Quartier an Bord des Kriegsschiffs zerquetscht. "Er hat Glück, noch am Leben zu sein", so Vizeadmiral Aucoin. Zwischenzeitlich bestand sogar die Gefahr, der Zerstörer mit rund 300 Besatzungsmitgliedern hätte sinken können. Inzwischen wurde das havarierte Schiff zur US-Marinebasis Yokusuka geschleppt, dem Stützpunkt der 7. US-Flotte.

Wieso sind die Schäden an der "USS Fitzgerald" so groß?

Die "ACX Crystal" erlitt deutlich geringere Schäden. Der Frachter steuerte nach dem Unglück eine japanische Werft an. Das Containerschiff ist mit rund 220 Metern zwar nur etwas länger als der Zerstörer (154 Meter), hat aber mit rund 29.000 Tonnen eine deutlich höhere Masse als die "Fitzgerald" (8300 Tonnen).

Sowohl die amerikanische Marine als auch die japanischen Behörden haben Ermittlungen aufgenommen, wie es zu dem Unglück kommen konnte. Der Zusammenstoß ereignete sich zwar in einer viel befahrenen Wasserstraße, die täglich 400 bis 500 Schiffe passieren.

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Es habe dort in der Vergangenheit schon mehrfach Unfälle gegeben, sagte Yutaka Saito von der japanischen Küstenwache. Die "USS Fitzgerald" - Baukosten rund eine Milliarde Dollar - verfügt allerdings über leistungsfähige Radaranlagen.

Was könnte den Zusammenstoß ausgelöst haben?

Die "ACX Crystal" fährt unter philippinischer Flagge, aber im Auftrag einer japanischen Reederei. Die US-Navy hat ausgeschlossen, dass der Frachter das Kriegsschiff gezielt gerammt haben könnte. Beim Kurznachrichtendienst Twitter machten einige Nutzer darauf aufmerksam, das Containerschiff habe kurz vor dem Zusammenstoß ungewöhnlich navigiert.

Sie stützen sich dabei auf die Internetseite "Marine Traffic", auf der sich Schiffspositionen online nachverfolgen lassen. Auch der japanische Sender NHK berichtet, das Containerschiff habe zum Zeitpunkt der Kollision abrupt den Kurs geändert.

Derzeit nicht auszuschließen ist auch, dass dem Zusammenstoß der Ausfall wichtiger Bordsysteme bei einem der Schiffe vorausgegangen sein könnte. Die "USS Fitzgerald" hatte nach Angaben von US-Medien erst im Februar einen längeren Reparaturaufenthalt in einer Werft absolviert.

Der amerikanische Marine-Experte geht hingegen eher davon aus, dass die Ursache bei einer der Schiffsbesatzungen zu suchen sei. "In der Regel ist es ein menschlicher Fehler", sagte Dyer dem US-Magazin "Wired".

Die Lage auf hoher See sei mitunter unübersichtlich. Anders als im Falle der Flugsicherung gebe es für Schiffe keine externe Leitstelle. Es könne deshalb immer wieder zu Missverständnissen kommen. Es sei nicht einfach, so große Schiffe zu manövrieren, so Schifffahrtsexperte Dyer - "und sie können nicht mehr schnell reagieren, wenn jemand einen Fehler gemacht hat".

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