Ein paar Jahre war Ruhe. Der letzte Gefängnisausbruch in Berlin geschah 2014. Aber Ende 2017 und Anfang 2018 kam es dann heftig für die Justiz und den Senat. Warum lassen sich Ausbrüche nicht verhindern? Und sind sie wirklich so schlimm?

Eine derartige Ausbruchsserie aus einem deutschen Gefängnis ist selten - und lässt den Druck auf Berlins Justizsenator weiter steigen.

Aus dem Berliner Gefängnis Plötzensee sind in den Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr noch mehr Häftlinge geflohen als bisher bekannt.

Insgesamt geht es jetzt um neun Männer, die entweder ausbrachen oder aus dem offenen Vollzug entwichen, wie Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) am Dienstag mitteilte.

Behrendt verwies darauf, dass im vergangenen Jahr allein aus dem offenen Vollzug in Plötzensee 42 Mal Häftlinge entwichen. Dabei ging es vor allem um Menschen mit sogenannten Ersatzfreiheitsstrafen, die verhängt werden, wenn jemand eine Geldstrafe nicht bezahlen kann. Oft sind das Schwarzfahrer - und keine Schwerkriminellen. Auch in den Jahren davor gab es zwischen 10 und 43 "Entweichungen".

"Haus der offenen Tür"

Die Opposition spricht hämisch vom "Haus der offenen Tür". Besonders peinlich für Justizsenator Behrendt: Nach dem spektakulären ersten Ausbruch von vier Männern am Donnerstag hatte er verstärkte Sicherheitsvorkehrungen angekündigt. Nun entkamen am Montag erneut zwei Männer aus demselben Gefängnis.

Zwischen den beiden Ausbrüchen kehrte ein weiterer Häftling nicht aus dem sogenannten offenen Vollzug zurück. Das passiert allerdings öfter mal und ist streng genommen auch kein Ausbruch.

Bei den zwei übrigen am Samstag und Sonntag entkommenden Häftlingen ist noch unklar, ob sie von einem genehmigten Ausgang nicht zurückkamen oder sich heimlich aus dem Gefängnis schlichen.

Die Berliner Opposition aus CDU, AfD und FDP spricht trotzdem von insgesamt neun Ausbrechern und fordert den Rücktritt von Behrendt, der mit dem Senat aus SPD, Linken und Grünen erst ein Jahr im Amt ist.

Auch ein Abgeordneter des Koalitionspartners SPD twitterte ungewöhnlich deutlich: "Rekord. Wer will nochmal, wer hat noch nicht? Das wäre eigentlich ein Rücktrittsgrund für einen Justizsenator".

Zu diesem Zeitpunkt war der Ausbruch von insgesamt sieben Häftlingen bekannt gewesen. Die Zahl wurde inzwischen auf neun korrigiert.

Die beiden letzten Ausreißer flohen durch das Fenster einer Nachbarzelle. Sie verbüßten wegen wiederholten Schwarzfahrens eine Strafe im sogenannten offenen Vollzug und durften das Gefängnis also tagsüber verlassen.

Ein Sprecher der Senatsjustizverwaltung kommentierte den erneuten Ausbruch lakonisch: "Dabei hätten sie das Gefängnis auch einfach am nächsten Morgen durch die Tür verlassen können."

Einer der beiden Männer kehrte bereits am Montagabend zurück. Auch von den ersten vier Ausbrechern stellte sich am Dienstag einer zusammen mit seinem Anwalt. Nach den sieben verbliebenen Männern fahndet die Polizei.

Gefängnisausbruch vor laufender Kamera

Besonders der Ausbruch vom Donnerstag hatte für Aufsehen und empörte Kommentare gesorgt. Die Männer zwischen 27 und 38 Jahren flohen aus einem Heizungsraum neben der Werkstatt, in der sie arbeiteten.

Mit einem Hammer zertrümmerten sie einen Betonpfosten in einer Lüftungsöffnung. Dann sägten sie die Stahlverstärkung unter dem Beton mit einem Trennschleifer durch, zwängten sich ins Freie und krochen unter dem Zaun des Gefängnisses durch.

Eine Kamera, die eine Eingangspforte überwacht, filmte die Aktion. Trotzdem wurde erst später Alarm ausgelöst. Drei der Männer sollten in diesem Jahr entlassen werden.

In der JVA Plötzensee mit 360 Insassen herrscht nur eine mittlere Sicherheitsstufe. Die Ausbrecher waren aber auch keine Schwerkriminellen, sondern saßen wegen Diebstahl, räuberischer Erpressung und schwerer Körperverletzung ein.

Mörder, Vergewaltiger und Serientäter sitzen in Berlin vor allem in einem der sechs Gefängnisse: der JVA Tegel, Deutschlands größtem geschlossenen Knast. Dort liegt der letzte Ausbruch schon viele Jahre zurück. 1998 schmuggelte sich ein Mann mit einem Lieferwagen heraus.

Sanierungsbedarf in alten Gefängnissen

Eigentlich gelten die Berliner Gefängnisse angesichts von mehr als 4.000 Häftlingen und seltenen Ausbrüchen als sicher. Aber viele der oft mehr als hundert Jahre alten Gebäude haben unübersichtliche Ecken und andere Probleme. Senator Dirk Behrendt gibt zu: "Sie würden so heute nicht mehr gebaut."

Der Bund der Strafvollzugsbediensteten sieht einen Sanierungsbedarf von 400 bis 500 Millionen Euro. Außerdem fehle Personal.

"Sogenannte innere Sicherheitsrunden werden in den verschiedenen Anstalten gar nicht mehr gelaufen", sagt der Landesverbands-Chef Thomas Goiny im RBB-Inforadio. Seine Leute vermissten auch Drogen-Suchhunde und Fahndungstrupps, die sich speziell um Drogen kümmern würden.

Flucht ist in Deutschland nicht strafbar

Viel größere Probleme als vereinzelte Ausbrüche von Kleinkriminellen oder Schwarzfahrern sind in den Gefängnissen Gewalt und Erpressung durch organisierte Gangs und Einzeltäter sowie die ständige Präsenz von Drogen.

Eine vollständige Abschottung lässt sich wohl in keinem Gefängnis der Welt durchsetzen. Über verschiedene Schmuggelwege und durch die Mithilfe von Besuchern, Anwälten und bestochenen Wärtern gelangen Gefangene immer an Drogen aller Art. Trotz des Verbots sind auch Handys weit verbreitet.

Gleichzeitig ist der Ausbruch für Gefangene eine große Verlockung. Zwar werden die meisten Ausbrecher gefangen und verlieren Privilegien wie den offenen Vollzug, einen guten Arbeitsplatz im Gefängnis oder die vorzeitige Entlassung. Die Flucht selber ist in Deutschland nicht strafbar.

Schon lange verzichtet der Gesetzgeber auf einen entsprechenden Paragrafen im Strafgesetzbuch, weil es einen natürlichen Freiheitsdrang des Menschen gibt. Strafbar ist aber die "Gefangenenbefreiung", die Unterstützung der Flucht eines Anderen.  © dpa