• Immer wieder erschüttern Attentate psychisch labiler Männer die Öffentlichkeit.
  • In Nordrhein-Westfalen hat die Polizei ein neues Konzept erprobt, um Amokläufe zu verhindern.
  • Der Abschlussbericht liegt dem Nachrichtenmagazin "Spiegel" vor.

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Am 1. Dezember 2020, kurz vor 14 Uhr, raste Bernd W. mit seinem Land Rover durch die weihnachtlich geschmückte Fußgängerzone im rheinland-pfälzischen Trier. Bis zu 80 Stundenkilometer schnell soll der 52-Jährige gewesen sein. Fünf Menschen tötete er, 18 weitere wurden verletzt. Als die Polizei eintraf, stand W. grinsend und mit einer Zigarette im Mund an dem Geländewagen.

Zurzeit muss sich der mutmaßliche Mehrfachmörder vor dem Landgericht verantworten. Das genaue Motiv seiner Wahnsinnstat ist weiterhin unklar. Nach Einschätzung eines Gutachters leidet W. unter einer Psychose. Laut Aussagen einer Zeugin hatte W. zuvor Gewaltfantasien geäußert. Für die Sicherheitsbehörden war er trotzdem ein unbeschriebenes Blatt.

Unterscheidung zwischen Amok und Terror oft schwierig

Genau ein Jahr später kommen nun die Innenminister der Länder sowie Vertreter des Bundesinnenministeriums zu ihrer Herbstkonferenz zusammen. Zweimal im Jahr beraten die wichtigsten Sicherheitspolitiker der Republik über die aktuelle Gefahrenlage und die Rahmenbedingungen ihrer Arbeit. Eines der wichtigsten Themen in diesem Jahr: die Verhinderung sogenannter Amoklagen.

Trier, Bottrop, Münster, Hanau – in regelmäßigen Abständen erschüttern anscheinend unvorhersehbare Gewaltverbrechen die Öffentlichkeit. Was davon Amok und was eher Terror ist, lässt sich häufig nur schwer unterscheiden. So wie zuletzt Anfang November, als ein Geflüchteter aus Syrien wahllos auf Menschen in einem ICE bei Regensburg einstach. Er verletzte vier Reisende zum Teil schwer. Da es Hinweise auf eine paranoide Schizophrenie des Mannes gab, kam der 27-Jährige in eine Psychiatrie. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung stießen Ermittlerinnen und Ermittler jedoch auch auf Propagandamaterial der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS).

Auf Amoktäter schlecht vorbereitet

Beispiel Würzburg: Dort tötete ein Somalier im Juni mit einer Messerattacke drei Menschen. Nach der Tat faselte der Mann im Krankenhaus etwas vom "Heiligen Krieg". Doch zwei Gutachter gehen mittlerweile wegen einer psychischen Erkrankung von einer Schuldunfähigkeit des Angreifers aus. Auch er muss wohl dauerhaft in Behandlung.

Die Liste dieser Verbrechen, die nach ähnlichen Schemata ablaufen, wächst beständig. Immer sind die Angreifer männlich, häufig psychisch auffällig, manchmal extremistisch. Oder alles zusammen. Besonders auf Amoktäter ist der Staat schlecht vorbereitet. Ist jemand nicht als politisch motivierter Gefährder eingestuft und gibt es keine Kontakte in extremistische Szenen, bleiben spätere Attentäter den Behörden häufig verborgen. Vor spontanen Taten psychisch Labiler gebe es praktisch keinen Schutz, hieß es lange in Sicherheitskreisen. Tickende Zeitbomben, die im Wahn handelten, seien nur schwer zu erkennen. Obwohl Gewaltverbrechen seit Jahren insgesamt zurückgingen, leide mit der Häufung sogenannter Amoktaten das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung, sagt ein leitender Beamter.

NRW-Innenminister: Gefahr lässt sich minimieren

Das soll sich nun ändern. Auf der Herbstkonferenz der Innenminister stellt der nordrhein-westfälische Ressortchef Herbert Reul (CDU) dieser Tage erstmals die Ergebnisse eines aufwendigen Pilotprojekts vor, das den sperrigen Namen "Handlungs- und Prüffallkonzept zur Früherkennung von und dem Umgang mit Personen mit Risikopotential" (PeRiskoP) trägt. "Nach jeder Amoktat in den vergangenen Jahren habe ich mich gefragt: Hätte man sie verhindern können?", sagt Reul. "Meine persönliche Einschätzung: 'PeRiskoP' hätte das Risiko minimiert."

Zwischen März und August vergangenen Jahres haben drei Kreispolizeibehörden unter Leitung des Düsseldorfer Landeskriminalamts (LKA) das neue Instrumentarium erprobt, mit dem potenzielle Amoktäter frühzeitig erkannt werden sollen. Der vertrauliche Abschlussbericht der Studie liegt dem "Spiegel" vor.

Die Grundidee von "PeRiskoP" ist einfach: Wie es im Bericht des LKA heißt, zeigen viele Amokläufer und Attentäter schon vor ihren Taten ein auffälliges Verhalten. So machten psychisch labile Männer – bewusst oder unbewusst – regelmäßig Andeutungen über mögliche Gewalttaten. Zum Teil seien die Täter bereits der Polizei oder sonstigen Behörden als Querulanten aufgefallen. Einige bemühten sich vor Anschlägen auch um einen Waffenschein. Allein: Gebündelt bearbeitet wurden solche Informationen über gewaltaffine, psychisch auffällige Männer, die nicht zugleich als Extremisten erfasst waren, in der Vergangenheit nicht.

Ermittler suchen Kontakt zu Gesundheits- und Ordnungsamt

In den Testgebieten Bielefeld, Kleve und Münster lief das in den vergangenen Monaten anders. Zunächst suchten die "PeRiskoP"-Sachbearbeiter in ihren Datenbanken nach Personen, die sich psychisch auffällig und gewalttätig gezeigt hatten. Dann glichen die Ermittler insgesamt 35 Prüffälle mit einer langen Checkliste ab, die mithilfe von Psychologinnen und Psychologen erstellt worden war: Hatte sich jemand in der Vergangenheit intensiv mit Waffen beschäftigt? Verweigerte die betreffende Person grundsätzlich eine Zusammenarbeit mit der Polizei oder anderen Behörden? Wie sind die aktuellen Lebensumstände und welche stabilisierenden Faktoren gibt es? Eine intensive Einzelfallbetrachtung soll pauschale Bewertungen und einen Generalverdacht gegen psychisch Kranke ausschließen.

Wurde ein mögliches Risiko erkannt, suchten die Ermittler zuständige Ansprechpartner in Institutionen wie Gesundheits- und Ordnungsämtern, Ausländerbehörden und auch in psychiatrischen Kliniken. "Der enge, vor allem persönliche Kontakt untereinander lässt das Vertrauen entstehen, welches erforderlich ist, um zu einem Austausch insbesondere mit den medizinisch/psychiatrischen Ansprechstellen zu gelangen", heißt es im Projektbericht. Einen intensiven Dialog mit der Polizei seien diese Einrichtungen häufig nicht gewohnt.

Auch wenn Kliniken Informationen über Patienten aus Datenschutzgründen nicht mit den Ermittlern teilten, brachten die Konferenzen offenbar in vielen Fällen Fortschritte. Das Projekt sensibilisiere externe Einrichtungen für mögliche Gefahren, heißt es. Gesundheitsämter und Kliniken schauten in den von der Polizei benannten Fällen genauer hin, machten sich Gedanken über eine intensivere Betreuung und minimierten auch damit das mögliche Risiko.

Mit Samuraischwert auf offener Straße

So wie im Fall eines psychisch Kranken aus Bielefeld, auf den die Kripo stieß. Der junge Mann war bereits auffällig gewesen, weil er in der Öffentlichkeit mit einem Samuraischwert hantiert hatte und davon sprach, Menschen "hacken" zu müssen. Die Beamten erkundigten sich bei Angehörigen und Arbeitgeber und führten ein sogenanntes Gefährdergespräch mit dem Betroffenen. Anschließend informierten die Polizisten das Gesundheitsamt und die örtliche Waffenbehörde. Die Maßnahmen führten offenbar zum Erfolg: Die "Vorgangsbearbeitung" konnte beendet werden, hielten die Kriminalisten fest. Gefahr gebannt.

Oder ein Frauenschläger, wieder aus Bielefeld. Einem Sachbearbeiter war er beim Durchsehen der Datenbanken wegen seiner massiven Gewalthistorie aufgefallen. Nach weiteren Recherchen stellte sich heraus, dass der 35-Jährige auch eine Maschinenpistole besaß. Nach einem Gespräch mit dem Mann, in Gegenwart seines Betreuers und von Angehörigen, erwirkten die Polizisten einen Untersuchungshaftbefehl.

"Das Projekt ist ein Erfolg", sagt Münsters Polizeipräsident Falk Schnabel, in dessen Behörde während der "PeRiskoP"-Erprobung laut LKA-Abschlussbericht elf Personen überprüft wurden. "Wir schaffen nun eine Vernetzung zwischen Gesundheitswesen, kommunalen Behörden und der Polizei, die es uns im Idealfall ermöglichen soll, Menschen von Gewalttaten abzuhalten." Die Polizei solle in die Lage versetzt werden, früher erkennen zu können, wie es einer labilen Person gehe.

Dabei obliege es den Gesundheitsbehörden, ob sie der Polizei nach den Patientendatenschutzgesetzen Informationen geben dürfen. "Mir ist die Klarstellung wichtig, dass wir mit 'PeRiskoP' keine neuen Befugnisse erhalten", sagt Schnabel. "Wir schaffen lediglich die Voraussetzungen dafür, dass die zuständigen Behörden auf der Grundlage bestehender Gesetze noch besser zusammenarbeiten."

Das neue Modell sei positiv angenommen worden, resümiert auch das LKA in seinem Abschlussbericht. "PeRiskoP" bedeute in der Praxis jedoch einen erheblichen Zeitaufwand, umfassende Fortbildungen der Ermittler seien unerlässlich. NRW-Innenminister Reul prüft nun die Einführung des Programms in weiteren Polizeibehörden. "Es ist kein Allheilmittel, aber es bringt uns einen Riesenschritt nach vorne, wenn es um die Früherkennung von Personen mit Risikopotenzial geht", so der Minister. Er sei überzeugt, "dass 'PeRiskoP' sich nicht nur für NRW lohnt".  © DER SPIEGEL