Ein Mann wird angeblich bei einem Flugzeugabsturz getötet, um kurz darauf umgehend angeblich auch bei Terroranschlägen getötet zu werden. Es klingt wie die Kurzbeschreibung eines Mystery-Thrillers und ist doch in gewisser Weise Realität. Eine bizarre Parallel-Realität, erschaffen in den sozialen Medien.

Ein Foto auf Twitter. Ein Bild bei Facebook. Immer derselbe Mann, nur die Bildunterschriften unterscheiden sich. Einmal ist es der Bruder, der im Mai im abgestürzten Egyptair-Flug MS804 saß und dabei ums Leben gekommen sein müsste. Rund fünf Wochen später "stirbt" dieser "Bruder" dann aber angeblich auch noch beim Terroranschlag am Istanbuler Flughafen.

Immer wieder unter den Opfern

Seltsam, denn knapp zwei Wochen zuvor soll dieselbe Person auch beim Orlando-Massaker im Nachtclub "Pulse" erschossen worden sein.

Doch das ist noch nicht alles. Am 19. Juni 2016 feuerten im mexikanischen Oaxaca Polizisten in eine Gruppe Demonstranten. Mindestens acht Menschen wurden getötet - der Mann ist angeblich schon wieder unter den Opfern.

In den Tweets mit dem Bild wird über seinen Verbleib spekuliert. Im Beispiel des Egyptair-Absturzes heißt es etwa: "Mein Bruder reiste damit. Ich habe Angst um sein Leben. Bitte helft mir!"

Eine ähnliche Wortwahl taucht in dem Tweet nach den Anschlägen von Istanbul auf. Das Posting In den Kommentaren wird weltweit kondoliert.

Was verbirgt sich hinter dieser Geschichte, hinter den Fotos eines Mannes, die nach Anschlägen und Tragödien weltweit in den sozialen Netzwerken viral gehen? Redakteure von "France24" gingen dieser Frage nach.

Das Recherche-Team fand heraus, dass der Mann Mexikaner ist, 24 Jahre alt und in gewisser Weise Opfer einer Racheaktion. "France24" kontaktierte Menschen, die besagte Foto-Tweets geteilt hatten und erkundigte sich nach den Hintergründen.

Die Antworten ähnelten sich: Die Twitter-Nutzer kannten den Mann, waren teilweise sogar mit ihm befreundet gewesen, ehe er sie um Geld betrogen haben soll. Die Rede ist von kleineren Beträgen bis hin zu 1.000 Dollar.

Doch was hat das mit den Todesnachrichten zu tun? Einer der Befragten liefert die Antwort:

"Dieser Mann war mal mein Freund, bis er mich und mindestens vier andere um Geld betrogen hat. Ich bin juristisch gegen ihn vorgegangen, aber das Ganze zieht sich und er hat uns immer noch nicht das Geld zurückgezahlt. Deshalb haben wir beschlossen, ihn dadurch zu bestrafen, indem wir sein Foto online verbreiten. Unser Ziel ist es, seinen Ruf zu ruinieren. Die ganze Welt soll sein Gesicht kennen."

Dieses Ziel haben die mutmaßlich Betrogenen bereits erreicht. Doch stimmt die Geschichte?

"France24" machte den Mann in Mexiko ausfindig und bekam die Bestätigung. Seinen Namen wollen die Redakteure aus verständlichen Gründen nicht bekannt geben. Doch seine Aussage gegenüber "France24" steht für sich:

"Mein Foto ist überall zu finden, nachdem ich eine juristische Auseinandersetzung hatte und jemand sich einen Scherz erlaubt hat. Ich habe diese Leute nicht angezeigt, da solche Anzeigen in Mexiko ohnehin nicht verfolgt werden. Jetzt ist mein Foto weltweit auf Twitter erschienen."

Er habe diverse Medien wie etwa die BBC und die New York Times angeschrieben und gebeten, sein Foto zu entfernen - doch die Redaktionen hätten nicht reagiert. Und so verbreitet sich sein Foto auch weiterhin im World Wide Web. Der 24-Jährige wurde somit Opfer einer Racheaktion in den sozialen Medien.

Ein Social-Media-Phänomen, das bei genauer Betrachtung also keinesfalls mysteriös ist, sondern einen trivialen und auch geschmacklosen Hintergrund hat. Ein modernes Internet-Troll-Stilmittel, das sich keinesfalls zur Nachahmung empfiehlt, da es illegal ist.

Rechtliche Frage bei Foto-Verbreitung

Die Frage, ob und in welchem Maße die Fremdverbreitung von Fotos im Internet strafbar ist, hängt von nationalem Recht ab. In Deutschland ist das Recht am eigenen Bild Teil des allgemeinen Persönlichkeitsrechts. Die Verbreitung privater Fotos ohne Einwilligung des Fotografierten ist verboten.

Klarheit über die rechtliche Lage zu Foto-Vervielfältigung im Internet verschafft das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz auf seiner Internetseite.

Der junge Mann in Mexiko wird sich allerdings mit der Tatsache abgefunden haben, dass sein Foto vielleicht schon bei der nächsten Tragödie, dem nächsten Anschlag auf Twitter verbreitet wird. Denn laut "France24" hat er auch weiterhin nicht die Absicht, juristisch dagegen vorzugehen. "Er hat einfach kein Vertrauen in das mexikanische Rechtssystem", erklärt Redakteur Gaëlle Faure.