Ist Sergej W. nur ein missverstandener, trauriger Mensch, der niemanden verletzten wollte? Heute beginnt der Prozess gegen den Mann, der einen Anschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund verübte.

Geschockte Spieler, entsetzte Fans: Der Anschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund hat tiefe Spuren hinterlassen - nun beginnt am Donnerstag um 12:00 Uhr in Dortmund der Prozess gegen den mutmaßlichen Attentäter.

Sergej W. soll laut Staatsanwaltschaft versucht haben, Fußballspieler des BVB zu töten, um bei Aktienspekulationen abzukassieren.

Wäre sein Plan aufgegangen, er hätte bis zu 500.000 Euro einstreichen können. Die Staatsanwaltschaft wirft Sergej W. 28-fachen Mordversuch vor.

Im Bus saßen 18 Spieler, acht Trainer und Betreuer und der Busfahrer; ein Polizist hatte die Mannschaft auf dem Motorrad begleitet. Heimtückisch, aus Habgier und mit gemeingefährlichen Mitteln habe der Elektrotechniker gehandelt, so der Vorwurf.

Sergej W. - ein trauriger, leidender Mensch?

Sein Verteidiger Carl W. Heydenreich zeichnet ein anderes Bild.

Er wirft der Staatsanwaltschaft vor, einseitig ermittelt zu haben, vor allem auf der Suche nach dem Motiv des Täters.

Heydenreich erklärte in den "Tagesthemen" der ARD vom 20. Dezember 2017: "Nur ein einziger Metallstift ist im Bus gelandet, nur ein einziger hatte nachweislich Kontakt mit dem Bus. Wenn ein Spieler unbedrängt aus fünf Metern das leere Tor nicht trifft, dann fragen Sie sich zwangsläufig, wollte er nicht oder konnte er nicht."

Die Botschaft: Sein Mandant habe überhaupt niemanden verletzen wollen. Heydenreich zeichnet im Gespräch mit "Der Westen" das Bild eines leidenden Menschen, der überhaupt kein Interesse an Luxus habe. "Er erschien mir sehr traurig", berichtet der Verteidiger von einem Treffen mit seinem Mandanten.

Ob diese Verhandlungstaktik aufgehen wird, dürfte fraglich sein. Auf die betroffenen BVB-Spieler dürfte sie sogar wie Hohn wirken. Zu eiskalt kalkuliert wirkt der Plan, den Sergej W. am 11. April 2017 in die Tat umsetzte.

Drei selbst gebaute Sprengsätze soll er in einer Hecke am Mannschaftshotel des BVB deponiert haben.

Als das Team vor der Champions-League-Partie gegen den AS Monaco am Hotel in den Bus gestiegen war und dieser sich langsam in Bewegung setzte, soll er die Bomben mithilfe von Fernzündern zur Explosion gebracht haben.

"Dachten alle, dass wir jetzt sterben"

Es war 19:16 Uhr, als für die BVB-Spieler plötzlich die Hölle losbrach.

Metallsplitter flogen als Geschosse durch die Luft. Viele drangen in den Bus ein und verletzten dort BVB-Abwehrspieler Marc Bartra, der mit einem offenen Bruch des Unterarms ins Krankenhaus gebracht werden musste.

Es hätte noch viel schlimmer kommen können. Nur drei Zentimeter neben Bartras Kopf schlug ein Projektil ein.

"Wir dachten alle, dass wir jetzt sterben", beschrieb der damalige BVB-Profi Mikel Merino im "Guardian" unlängst die schreckliche Situation im Mannschaftsbus.

Ein Polizist, der den Bus auf einem Motorrad begleiten sollte, erlitt ein Knalltrauma.

Sergej W. aß kurz nach dem Anschlag noch ein Steak im Hotel, am nächsten Tag ließ er sich massieren, wurde von der Polizei befragt, machte einen unauffälligen Eindruck.

Die traumatisierten Spieler von Borussia Dortmund mussten bereits am nächsten Tag das Champions-League-Spiel gegen Monaco nachholen.

Watzke: "Eine Extremsituation"

BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke, der nach seinem Umgang mit dem Anschlag ins Kreuzfeuer der Kritik geraten war, fällt es noch heute schwer, über die Geschehnisse zu reden: "Das war schon eine Extremsituation", sagt er.

Lange Zeit wurden die BVB-Profis psychologisch betreut: "Wir haben intensiv beobachtet, ob sich bei dem einen oder anderen Spieler eine posttraumatische Störung entwickelt hat", sagt Watzke. Besonders die Schmerzensschreie des Spaniers Bartra blieben den Profis lange in Erinnerung.

Für den Prozess hat das Dortmunder Schwurgericht 18 Verhandlungstage bis zum 28. März angesetzt. Mehrere Spieler von Borussia Dortmund haben sich dem Verfahren als Nebenkläger angeschlossen.

Auch der damalige BVB-Trainer Thomas Tuchel könnte als Zeuge aussagen.

Fußballweltmeister Matthias Ginter äußerte sich jüngst in einem Interview der Zeitung "Die Welt". Von dem Prozess erhoffe er sich, etwas über die Motive des Angeklagten zu erfahren.

"Zum anderen frage ich mich, warum der Anschlag so passieren konnte, wie er passiert ist, warum es niemandem im Vorfeld aufgefallen ist. Und ich denke, dass mir der Prozess auch dabei helfen wird, das Thema weiter zu verarbeiten."

(ska/dpa)