Mit digitalen Plakaten in ganz Deutschland wollen Betroffene der Ahrtal-Flutkatastrophe die Bundespolitik auf ihre Lage aufmerksam machen. "Auf Bundesebene hört man vom Ahrtal nix mehr", sagt Thomas Pütz. Er ist Mitgründer des einstigen Helfershuttles im Tal und macht bei der Aktion mit. Durch die Plakate solle den Bürgern und der Bundespolitik klar werden: "Da sind noch Menschen, da ist noch ein Tal, da ist noch eine Region mitten in Deutschland, die noch Hilfe braucht."

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Auf den digitalen Anzeigen sind bundesweit für mindestens eine Woche Porträts von Betroffenen und die Botschaft "Lernen aus der Ahrtal-Flut" zu sehen. Über den Gesichtern stehen Sätze wie: "Frustrierend ist, wenn private Hilfsaktionen auf gesetzliche Hürden stoßen."

Ausschlaggebend für die Aktion war laut Mitinitiator Daniel Koller das Fehlen von Bundespolitikern beim zweiten Flut-Gedenktag am Freitag. Von der Bundespolitik sei ihnen sehr viel versprochen worden, sagt Pütz. "Und wer war zum zweiten Jahrestag da? Von der Bundespolitik war keiner da."

Bei der offiziellen Gedenkveranstaltung der Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler am 14. Juli waren von Landesseite Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD), Innenminister Michael Ebling (SPD) und Klimaschutzministerin Katrin Eder (Grüne) anwesend.

Bei der Flutkatastrophe vom 14. auf den 15. Juli 2021 starben in Rheinland-Pfalz mindestens 136 Menschen. Im Ahrtal wurden Tausende Gebäude zerstört und die Infrastruktur stark beschädigt. Der Wiederaufbau ist noch lange nicht abgeschlossen.

Beim ersten Jahrestag der Katastrophe vor einem Jahr waren sowohl Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) als auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Ahrtal. Steinmeier war kurz vor dem diesjährigen Jahrestag ebenfalls in der Region zu Besuch. Scholz gab am Gedenktag seine Sommer-Pressekonferenz in Berlin.

"Die Gedenkveranstaltungen wurden durch die flutbetroffenen Kommunen organisiert", teilt die rheinland-pfälzische Staatskanzlei auf Anfrage mit. Die Einladungsmodalitäten entzögen sich der Kenntnis der Landesregierung. "In der Zeit um den Gedenktag waren zahlreiche Vertreterinnen und Vertreter der Bundes- und Landespolitik im Ahrtal."

"Was die Menschen an der Ahr sich gewünscht hätten, wären Bundespolitiker gewesen, die ins Ahrtal kommen, mit etwas im Gepäck. Denn daran krankt es ja", sagt der flutbetroffene Buchautor und Polizeibeamte Andy Neumann. Er hätte sich einen Besuch von Innenministerin Nancy Faeser (SPD) gewünscht.

Pütz sagt, Befürchtungen seien wahr geworden. "Unsere größte Angst ist es, dass wir vergessen werden. Herr Scholz hat damals auch vor Kameras gesagt, wir werden das Ahrtal nicht vergessen. Dieses Versprechen ist meines Erachtens nicht wirklich eingelöst worden", sagt er. "Wir fühlen uns immer mehr vergessen."  © dpa

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