Ralph Brinkhaus gelang der Coup, sich als Außenseiter die Unionsfraktionsführung zu sichern. Wer ist dieser Politiker - und wie wird er sich in der großen Krise der beiden Schwesterparteien schlagen?

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Sicher ist, dass sich die Abgeordneten nicht nur an einen neuen Namen, sondern auch an einen neuen Stil gewöhnen müssen. Der abgewählte Unionsfraktionschef Volker Kauder konnte sehr temperamentvoll sein, sein Nachfolger Ralph Brinkhaus ist Ostwestfale durch und durch. Die ersten Adjektive, die den meisten Fraktionskollegen zu Brinkhaus einfallen, sind "ruhig" und "sachlich". Das muss in turbulenten Zeiten kein Nachteil sein.

Die Wahrheit ist allerdings, dass viele gar nicht wissen, was von Brinkhaus zu erwarten ist. Der bisherige Fraktionsvize gilt als konservativ, aber er ist bislang vor allem als Fachmann für Finanzpolitik aufgefallen.

Hinweise auf Brinkhaus' Haltung

In diesem Bereich hat er sich einen guten Ruf unter seinen Kollegen erworben. Wie er in anderen Fragen denkt, muss sich zeigen.

Einige Hinweise auf Brinkhaus' Haltung gibt es. In der Eurokrise war er ein Kritiker großzügiger Finanzhilfen. Zudem versteht er sich gut mit seinen beiden westfälischen Fraktionskollegen Jens Spahn und Carsten Linnemann. Beide wollen einen deutlich liberaleren Kurs in der Wirtschaftspolitik und sind erklärte Gegner der Flüchtlingspolitik Merkels. Wenn Brinkhaus nun erklärt, er wolle auch auf Wähler zugehen, die die CDU nicht mehr wählen, dann geht es vor allem auch um diesen Bereich.

Brinkhaus ist umgänglich und freundlich, aber er gilt als Einzelkämpfer. Selbst vor der Kandidatur gegen Kauder hat er keine Bündnisse geschlossen oder Posten verteilt. Viele Abgeordnete - und übrigens auch der Autor dieser Zeilen - hatten daher vorhergesagt, dass Brinkhaus die Wahl verlieren würde. Aber der Unmut über Merkel und Kauder war in der Fraktion so groß, dass die unbekümmerte Art seiner Kandidatur kein Nachteil für Brinkhaus war.

Als Fraktionschef wird Brinkhaus allerdings Mehrheiten organisieren müssen. Wenn er nun beteuert, er wolle nicht gegen, sondern mit Merkel arbeiten, dann ist das durchaus ernst gemeint. Brinkhaus ist kein Rebell, der die Regierung sprengen will. Darin gleicht er seinem Vorgänger.

Der Neue soll eigene Akzente setzen

Allerdings haben die Abgeordneten ihn nicht gewählt, damit er die Politik Kauders einfach fortsetzt. Sie erwarten, dass Brinkhaus eigene Akzente setzt. Das wird er vor allem in der Wirtschafts- und Finanzpolitik, aber auch in der Europapolitik versuchen. Ob das für Merkel zum Problem wird, hängt auch von ihrer Flexibilität ab und davon, wie weit Brinkhaus im Konflikt zu gehen bereit ist.

Vor allem in einem Bereich könnte das zum Problem werden - der Streit um die Flüchtlingspolitik, der CDU und CSU vor der Sommerpause fast zerrissen hätte, wäre mit Brinkhaus als Fraktionschef anders abgelaufen. Die CSU hat für ihre härtere Linie nun auch in der Fraktionsspitze einen Verbündeten. Das könnte die ganze Dynamik innerhalb der Union verändern.

Allerdings muss Brinkhaus sich auch darum kümmern, die immer noch zahlreichen Anhänger der Kanzlerin in der Fraktion mit einzubinden. Das könnte mit seiner nüchternen Art durchaus gelingen. Dazu muss Brinkhaus aber zunächst zeigen, dass er über die Rolle des Fachpolitikers hinauswachsen kann.

Zuzutrauen ist es ihm. Der Wahlsieg deutet darauf hin, dass mehr in ihm steckt, als viele angenommen haben. Dazu passt ein kleines Detail: Brinkhaus ist zwar Ostwestfale, sein Fußballverein aber ist der 1. FC Köln. Das zeigt, dass der Mann Widersprüche aushalten kann. Für das neue Amt ist das keine schlechte Voraussetzung.  © SPIEGEL ONLINE

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Ralph Brinkhaus: Reaktionen auf seinen Überraschungssieg

Die Unionsfraktion im Bundestag hat ihren Vorsitzenden Volker Kauder nach 13 Jahren im Amt gestürzt und Ralph Brinkhaus zum Vorsitzenden gewählt. Er setzte sich am Dienstag in einer Abstimmung gegen Volker Kauder durch, den Vertrauten von Kanzlerin Angela Merkel (CDU). Eine Übersicht über erste Reaktionen. (Text: dpa)