In Paris fand nach der Zerstörung des Airbus A321 über dem Sinai der zweite verheerende Terroranschlag innerhalb weniger Wochen statt. 2015 scheint ein besonders blutiges Jahr gewesen zu sein. Werden die Dschihadisten tatsächlich immer gefährlicher?

Charlie Hebdo, Airbus A321, Bataclan. Eine Satirezeitung, ein Flugzeug, ein Konzertsaal. Drei Begriffe, die sich 2015 eingeprägt haben. Alle drei waren Schauplätze von islamistischen Terroranschlägen.

Zwölf Menschen starben im Januar beim Angriff auf die Redaktionsräume in Paris, 224 Opfer gab es Ende Oktober, als eine Bombe das Flugzeug mit hauptsächlich russischen Touristen zerfetzte.

Und 132 Personen wurden bei den Anschlägen in Paris am 13. November ermordet. Dutzende Menschen befinden sich noch in kritischem Zustand.

Auch in Tunesien, in einem Museum in der Hauptstadt Tunis und an einem Hotelstrand nahe der Urlauberhochburg Sousse, gab es in diesem Jahr zwei verheerende Terroranschläge. Hauptsächlich westliche Touristen fielen den Attacken zum Opfer, 59 insgesamt.

"Einsame Wölfe" sind Bedrohung

War 2015 also ein besonders blutiges Jahr? "Dies kann man so nicht sagen", erklärt Curt Covi vom Institut für Sicherheitspolitik der Universität Kiel.

"Häufiger sind die Angriffe radikalisierter Einzelner, der so genannten 'Einsamen Wölfe' geworden, aber kleine Zellen werden aufgrund meist guter Behördenarbeit in der Regel schnell ausgehoben."

Die Zahl islamistischer Anschläge habe sich erhöht, sie seien "jedoch weniger tödlich", sagt der Politologe. Der vereitelte und eher amateurhaft ausgeführte Angriff auf den europäischen Hochgeschwindigkeitszug Thalys im August steht exemplarisch dafür.

Ein Einzeltäter hatte einen Menschen verletzt, bevor er von Fahrgästen überwältigt wurde. Die lange geplanten und kommandoartig durchgeführten Anschläge in Paris sieht Covi dagegen als "Ausnahme von der Regel".

Zudem gibt er zu Bedenken, dass die meisten Opfer des sogenannten "Islamischen Staats" Muslime in Syrien und im Irak seien. Diese sind jedoch in unserem Bewusstsein nicht so präsent wie die Toten im Nachbarland Frankreich.

In den vergangenen zehn Jahren gab es im Irak immer wieder tödliche Anschläge mit Dutzenden Toten, die auf konfessionelle Konflikte zwischen Sunniten und Schiiten zurückgingen. Der Eindruck des angeblich besonders blutigen Jahres 2015 trügt demnach.

Dennoch befindet sich der islamistische Terror auf dem Vormarsch, "er ist zu einem noch gewichtigerem geopolitischen Faktor geworden", sagte Covi.

Nach Angaben der europäischen Polizeibehörde Europol gab es in den vergangen Jahren einen enormen Anstieg an Verhaftungen, die im Zusammenhang mit religiös motivierten, terroristischen Straftaten stehen. Von 159 (2012) auf 216 (2013) und 395 (2014).

Die meisten stünden im Zusammenhang mit der Ein- oder Ausreise nach Syrien, heißt es im Terrorismusbericht 2015.

US-Kriege schufen neue Terroristen

Aber warum ist der Hass auf den Westen überhaupt so groß? Was lässt größtenteils junge Männer zu Kalaschnikows und Sprengstoffwesten greifen, um Unschuldige zu ermorden? In der Wissenschaft wird von Multikausalität gesprochen. Das bedeutet, dass es verschiedene Ursachen gibt.

Blickt man nach Frankreich, kommen viele Islamisten aus den oft muslimisch geprägten Problemvierteln in den Vorstädten, den Banlieus.

Dort gibt es eine hohe Jugendarbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit, die jungen Leute haben zudem mit Diskriminierungen und Vorurteilen der Mehrheitsgesellschaft zu kämpfen.

Hinzu kommen die Kriege der USA und ihrer Verbündeten in Afghanistan und im Irak, bei denen auch Tausende muslimische Zivilisten getötet wurden, darunter Frauen und Kinder.

Aus Sicht der Radikalen bestätigt dies den Eindruck, die Muslime würden durch den Westen unterdrückt und bekämpft. Radikale Prediger wissen solche Situationen zu nutzen, um Hass zu schüren oder zum "Heiligen Krieg" gegen die "Ungläubigen" und den Westen aufzurufen.

Die Kriege der USA haben wahrscheinlich Tausende neue Terroristen hervorgebracht.

Große Gefahr durch Syrienrückkehrer

Schließlich hat das Erstarken des "Islamischen Staats" seit 2014 das Problem des islamistischen Terrors weiter verschärft, auch in Europa. Mit Frankreich und Russland sind zwei Länder, die den IS mit Luftangriffen bekämpfen, nun ins Visier der Terrormiliz geraten.

"Die Gefahr von Anschlägen wird leider noch weiter wachsen, wenn auch tendenziell in kleinerem Umfang", erläutert Curt Covi. "Das ist mit der hohen Zahl der Syrienrückkehrer verbunden, die nur schwer zu kontrollieren und zu beobachten sind."

In Deutschland halten sich nach Behördenangaben rund 200 IS-Kämpfer mit Syrien-Erfahrung auf. Tendenz steigend. Ein terroristischer Anschlag hierzulande wird dadurch nicht unwahrscheinlicher.