• Bund und Länder haben entschieden: Auch im Dezember soll das öffentliche Leben Großteils heruntergefahren bleiben.
  • Vorgezogene Weihnachtsferien gehören ebenfalls zu den neuen Corona-Maßnahmen. Aber ergibt ein früherer Ferienbeginn überhaupt Sinn im Kampf gegen die Pandemie?
  • Expertinnen sind skeptisch und sehen auch die Lockerungen zu Weihnachten kritisch.

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Wenn Deutschlands Schülerinnen und Schüler in die kommenden Ferien starten, können sie sich sicher sein, dass Weihnachten 2020 anders als in den vergangenen Jahren sein wird. Denn schon jetzt steht fest: Kirchgänge, Verwandtenbesuche, Weihnachtsessen, Geschenkeauspacken und familiäres Beisammensein – all das wird nicht unbeschwert von statten gehen können.

Denn die Coronakrise hält die Welt weiter in Atem. Zuletzt meldete das Robert-Koch Institut (RKI) für Deutschland 18.633 Neuinfektionen binnen 24 Stunden sowie einen Höchststand von 410 Todesfällen (Stand 25.11). Um die Pandemie weiter zu bekämpfen und das Weihnachtsfest zu retten, haben Bund und Länder am Mittwoch (25.) daher neue Maßnahmen beschlossen: Treffen zwischen zwei Haushalten sind beispielsweise nur noch mit maximal fünf Personen erlaubt und Geschäfte brauchen 20 Quadratmeter Ladenfläche Platz pro Kunde.

Regierung schickt Schüler in die Ferien

Weiteres Instrument: Für Schülerinnen und Schüler geht es früher in die Ferien. Das soll eine Selbstquarantäne von Familien unterstützen, die Zahl der Kontakte direkt vor den Feiertagen verringern und somit die anstehenden Familienfeste sicherer machen. Beginnen sollen die Ferien demnach in fast allen Bundesländern schon am 19. Dezember, also vier Tage früher als üblich. Thüringen und Bremen behalten sich eigene Regelungen vor.

Aber sind vorgezogene Ferien im Kampf gegen das Coronavirus überhaupt sinnvoll? Clarissa Kurscheid ist Gesundheitsökonomin an der Europäischen Fachhochschule und leitet das Kölner Forschungsinstitut für Gesundheits- und Systemgestaltung. Sie sagt: "Die Maßnahme der vorgezogenen Schulferien ist sinnfrei. Wir können statistisch belegen, dass der Anteil der positiv Infizierten im Schulbereich relativ gering ist."

Zuletzt deutlich mehr Infektionen in Schulen

So ermittelte eine Studie aus Sachsen, an der mehr als 2.000 Oberstufenschüler und über 500 schulische Angestellte teilnahmen, eine Positivquote von lediglich 0,6 Prozent. Wie die "Tagesschau" berichtet, zeigen neuere Zahlen aus den Bundesländern aber, dass die Coronavirus-Infektionen bei Schülern und Lehrern zuletzt stark anstiegen – in Rheinland-Pfalz beispielsweise von 98 Fällen Ende Oktober auf 522 Fälle Anfang November.

Kurscheid aber betont: "Infektionen finden nicht im Wesentlichen in Schulen statt." In ihren Augen bringen die vorgezogenen Ferien noch mehr Unruhe und Unregelmäßigkeiten in einen ohnehin schon unregelmäßigen Alltag. "Wenn die vorgezogenen Ferien zu einer Selbstquarantäne der Familien führen würden, dann brächten sie tatsächlich mehr Sicherheit für anstehende Familienfeier. Wahrscheinlich ist das aber nicht: Denn der organisationale Rahmen von Familien widerspricht dem – kurz vor Weihnachten müssen noch jede Menge Einkäufe und Erledigungen gemacht werden", wendet sie ein.

Frühere Ferien helfen nur unter einer Bedingung: einer freiwilligen Selbst-Quarantäne

Simone Scheithauer, Direktorin des Instituts für Krankenhaushygiene und Infektiologie an der Universität Göttingen, stellt die Grundidee heraus: "Das Grundproblem ist, dass bei Weihnachtsfeiern im Familienkreis genau die Personengruppe mit der höchsten Sterblichkeit bei Erkrankung, die (Ur-)Großeltern in Kontakt mit vielen, nicht nur Kindern kommen, von denen die Jüngeren auch oft asymptomatisch infiziert sein können", sagt sie.

Die möglichst risikoarme Gestaltung dieses "zwischenmenschlich so wichtigen Treffens" sei eine Herausforderung, so die Medizinerin. "Da helfen frühe Weihnachtsferien, wenn diese so genutzt werden, dass man sich in eine freiwillige (Vor-)Quarantäne begibt", sagt sie, schiebt aber hinterher: "Dies hilft natürlich nicht, wenn man die Zeit nutzt ausgiebig viele Menschen zu treffen."

Kinderbetreuung als Herausforderung

Ist die Gefahr also, dass Kinder Schulfreunde ohne Maske treffen, in der Zeit, in der sie sonst – mit Maske – im Klassenzimmer gesessen hätten? "Ob die Maßnahme sogar kontraproduktiv sein könnte, weil Kinder in den zusätzlichen Ferientagen machen, was sie wollen, lässt sich nicht sicher sagen. Kinder erscheinen mir aktuell manchmal jedoch disziplinierter und umsichtiger als Erwachsene", meint Kurscheid.

Dennoch sieht sie weitere Probleme: "Durch geänderte Ferienzeiten müssen sich Eltern zusätzlich Urlaub nehmen oder werden im Home Office gestört. Das belastet Familien, insbesondere Mütter und Frauen. Denn sie verantworten verstärkt die Haushaltsorganisation und wären durch vorgezogene Ferien vor weitere Herausforderungen gestellt", sagt die Expertin. In NRW soll es deshalb zum Beispiel eine Notbetreuung für Schüler der 1. bis 6. Klasse durch Lehrer geben.

Lockerungen über Silvester und Weihnachten

Sollte das kurzfristige Herumdoktern an den Ferienzeiten tatsächlich positive Effekte auf das Infektionsgeschehen haben, sind die Weihnachtsfeiertage die erste Bewährungsprobe. Die beschlossenen Maßnahmen gelten nämlich vorerst nur vom 1. bis zum 20. Dezember, für Weihnachten und Silvester werden sie wieder gelockert. Dann sind Treffen zwischen mehreren Haushalten erlaubt, maximal mit 10 Personen.

"Dass die Maßnahmen erst verschärft und dann wieder gelockert werden, erachte ich als problematisch", sagt Expertin Kurscheid. Sie finde es nicht gut, dass den Menschen "das Weihnachtsfest quasi wie ein Zuckerchen hingehalten wird", so die Wissenschaftlerin. Sie warnt: "Denn der Drang, sich dann in dieser Zeit zu treffen, wird exponentiell hoch sein."

Chance im Sommer verpasst

Scheithauer betont: "Ich habe in der zurückliegenden Pandemiestrategie nicht den Eindruck einer unkontrollierten Vorgehensweise, vielmehr sehe ich, dass die Politik sowohl im Frühjahr als auch im Herbst auf die steigenden Fallzahlen reagiert hat, um Herr der Lage zu bleiben", sagt sie. Ein Blick ins Ausland zeige, dass dieser Weg nicht schlecht gewesen sei.

"Ich hätte mir gewünscht, der Sommer sei besser genutzt worden, denn der Herbst war ja vorhersehbar", gibt Scheithauer zu. Nachher zu kritisieren sei aber immer leicht. "Es ist viel wichtiger, dass wir ein zumindest mittelfristiges Konzept haben und nicht nach Weihnachten so vorgehen, wie wir es uns im Sommer erlauben konnten."

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Eigenbrötlerei der Bundesländer

Kurscheid wünscht sich vor allem ein koordinierteres Vorgehen zwischen den Bundesländern. Denn auch in der Frage der Schulferien hatten Bund und Länder zunächst wieder für ein Verwirrspiel gesorgt: Der 16., 19. und 21. Dezember waren als Ferienstart im Gespräch, außerdem eine Verlängerung der Ferien nach hinten. "In der Pandemie hat sich die föderale Struktur zwar teilweise als hilfreich erwiesen, es wäre nun aber wünschenswert, dass die Bundesländer mit einer höheren Einheitlichkeit agieren – auch als Zeichen für die Bürgerinnen und Bürger", sagt Kurscheid.

Die Expertinnen haben weitere Ratschläge: "Die Politik muss vorsichtig sein, stets mit Weihnachten zu argumentieren. Für viele Menschen hat diese christlich sozialisierte Tradition gar keine Relevanz", sagt Kurscheid.

Scheithauer argumentiert, dass auch unabhängig der christlichen Tradition ein Gemeinschaftsereignis wichtig sein kann und rät: "Wenn es beruflich mit der Vorquarantäne nicht umsetzbar ist, wäre es eine Idee, sich statt in einer großen Gruppe in mehreren kleinen Gruppen zu treffen und sich dann virtuell zum Essen und zu Gesprächen zusammen zu schalten." Denn generell gelte, dass die Gruppengröße entscheidend sei. "Wir haben es in der Hand", betont die Experten. Die "AHA-L"-Maßnahmen (Abstand, Hygieneregeln, Alltagsmaske, Lüften) blieben dafür die Basis.

Über die Expertinnen: Prof. Dr. Clarissa Kurscheid studierte BWL und Gesundheitsökonomie und promovierte am Seminar für Sozialpolitik der Universität Köln. Sie ist Geschäftsführerin des privaten Forschungsinstitutes für Gesundheits- und Systemgestaltung (FiGuS) in Köln.
Prof. Dr. Simone Scheithauer ist Fachärztin für Hygiene und Umweltmedizin sowie Fachärztin für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie sowie Infektiologin. Sie leitet das Institut für Krankenhaushygiene und Infektiologie der Universität Göttingen.

Verwendete Quellen:

  • Robert Koch Institut: COVID-19: Fallzahlen in Deutschland und weltweit, Stand 25.11.2020
  • Tagesschau.de : Deutlich mehr Fälle bei Schülern, 05.11.2020
  • Schulministerium NRW: Informationen zum angepassten Schulbetrieb in Corona-Zeiten, 23.11.2020
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Schärfere Corona-Regeln beschlossen - Lockerung an Weihnachten

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