• Mit den Modellversuchen wollte man herausfinden, wie sich Öffnungen etwa von Außengastronomie oder Theatern auf die Verbreitung des Coronavirus auswirken.
  • Wichtig war bei allen Modellversuchen der Faktor "Schnelltests", die in den meisten Fällen Voraussetzung für den Zugang zu Läden, Restaurants oder Theatern waren.
  • Während die Modellprojekte liefen, stiegen die Inzidenzen und die Zahl der Erkrankungen - wie auch national - an; die Verantwortlichen bezeichnen die Modellversuche dennoch als Erfolg.

Mehr aktuelle Informationen zum Coronavirus finden Sie hier

Welche Modellversuche gab es im März und April 2021?

Am 15. März startete die "Modellregion Vorarlberg", am 16. März "Öffnen mit Sicherheit" in Tübingen und am 6. April das "Saarland-Modell". Der Start der Modellregionen fiel in eine Zeit, als nach den strengen Corona-Lockdowns im Winter erste Öffnungen wieder möglich sein sollten - allerdings eigentlich erst ab stabilen, niedrigen Inzidenzen. In Deutschland wurden zum Beispiel Werte unter 50 Neuinfektionen pro Woche pro 100.000 Einwohner ("7-Tage-Inzidenz") angestrebt. In den Modellregionen gab es zu diesem Zeitpunkt entweder tatsächlich eine niedrige Inzidenz (Stadt Tübingen am 18. März: 19,7 / Landkreis Tübingen: 52,9). Oder sie lag etwas darüber (Vorarlberg am 15. März: 63 / Saarland am 6. April: 89) und es sollte erprobt werden, ob Öffnungen nicht trotzdem möglich sind - wenn viel getestet wird und die gängigen Hygienemaßnahmen wie Abstand halten und Maske tragen eingehalten werden.

Die 7-Tage-Inzidenz für ganz Österreich lag zum Start der "Modellregion Vorarlberg" bei 209. In Deutschland lag dieser Wert zum Start der Modellregion Tübingen national bei rund 85, zum Start des "Saarland-Modells" bei 123. Die Gründe, die für die Öffnungen genannt wurden, waren vor allem: "Die Inzidenzen sind hier gerade vergleichsweise gering" und "Es gibt bereits eine gute Testinfrastruktur mit vielen Stationen". Das Saarland sah sich zudem bei den Impfungen bereits weit vorne.

Wann und warum endeten die Modellversuche?

In Österreich trat am 19. Mai eine neue Corona-Verordnung in Kraft, die sich mit den Öffnungen in Vorarlberg weitgehend deckte. Die "Modellregion Vorarlberg" gab es demnach neuneinhalb Wochen. Das Projekt in Tübingen sollte ursprünglich bis zum 4. April gehen, wurde dann bis 18. April verlängert und endete mit dem Inkrafttreten der "Bundes-Notbremse" am 24. April. Dauer: knapp sechs Wochen. Ähnliches gilt für das "Saarland-Modell", das bis zur Bundes-Notbremse für rund drei Wochen lief. Da Corona-Maßnahmen bei längeren Inzidenzen unter 100 Sache der Länder sind, gibt es solche Öffnungsschritte mittlerweile in vielen Ländern (nicht nur den Modellregionen).

Was wurde in den Modellregionen geöffnet?

In Österreich war bereits seit Anfang Februar der Einzelhandel wieder geöffnet (ohne Test) sowie "körpernahe Dienstleistungen" wie Friseure (mit Test). In der "Modellregion Vorarlberg" wurde zusätzlich die Gastronomie geöffnet (drinnen und draußen) und es wurden wieder Jugendarbeit und Jugendsport angeboten. Veranstaltungen, Kino- und Theaterbesuche wurden erlaubt, Selbsthilfegruppen durften sich treffen.

Auch in Tübingen waren es nach den Friseuren und Einzelhandelsgeschäften, die wegen der niedrigen Inzidenz bereits Anfang März wieder öffnen durften, die Außengastronomie, Kinos und Theater. Im Saarland betrafen die Öffnungen ebenfalls die Außengastronomie, Sport, Theater, Konzerthäuser, Opernhäuser und Kinos. Außerdem durfte es fortan Veranstaltungen mit bis zu zehn Personen geben.

Unter welchen Voraussetzungen wurde geöffnet?

Grundlage der meisten Öffnungen waren ein tagesaktueller, negativer PCR- oder Schnelltest (Zuhause-Selbsttest reichten in der Regel nicht), sowie dass der Abstand eingehalten und eine Maske getragen wurde. In der Gastronomie in Vorarlberg wurden Tische zugewiesen, es musste ein Abstand von zwei Metern zum nächsten Tisch eingehalten und die Kontaktdaten hinterlassen werden. Die Maske musste getragen werden, bis alle am Platz saßen. Maximal vier Erwachsene aus zwei Haushalten durften sich treffen, plus etwaige minderjährige Kinder.

Bei der Jugendarbeit drinnen gab es ebenfalls eine Registrierungs- und Testpflicht, maximal zehn Leute waren erlaubt, 20 bei Treffen draußen. Gleiches galt für den Jugendsport. Bei den Selbsthilfegruppen galt zusätzlich, dass bei Treffen in Innenräumen die ganze Zeit FFP2-Masken getragen werden mussten und der Zwei-Meter-Abstand eingehalten werden musste. Gleiches bei Veranstaltungen: Testpflicht, FFP2-Maske (auch am Platz), zugewiesene Plätze, Abstand - bei einer maximalen Auslastung von 50 Prozent und höchstens 100 Menschen.

Auch in Tübingen war die Hauptvoraussetzung, Angebote wie Außengastronomie und Theater nutzen zu können, der Schnelltest. Für Geschäfte war ein negatives Testergebnis lediglich im Einzugsgebiet der Stadt Tübingen nötig, weil es nur dort ausreichend Teststationen gab. Die Maske musste bei allen Aktivitäten (außer beim Essen und Trinken) aufbleiben. Im Saarland waren in der Außengastronomie ebenfalls Maske, Kontaktnachverfolgung und zusätzlich eine Anmeldung Pflicht. Tests waren bei Gruppen von maximal fünf Leuten nicht nötig, bei bis zu 10 schon. Drinnen durfte kontaktfrei Sport gemacht werden, draußen mit Kontakt, also zum Beispiel Fußball - allerdings alles nur mit einem negativen Testergebnis. Gleiches galt für Besucher von Theatern, Konzert- und Opernhäusern sowie Kinos. Auch hier mussten zudem die Kontaktdaten hinterlegt werden. Veranstaltungen mit bis zu zehn Teilnehmern waren auch möglich, auch hier nur mit negativem Test.

Corona-Lage in Deutschland: RKI-Lagebericht vom 25. Mai

Die Gesundheitsämter in Deutschland haben dem Robert Koch-Institut (RKI) binnen eines Tages 1911 Corona-Neuinfektionen gemeldet. Zum Vergleich: Vor einer Woche hatte der Wert bei 4209 Ansteckungen gelegen. Teaerbild: imago images/Stefan Zeitz/STEFAN ZEITZ

Wie entwickelte sich die Inzidenz?

Vorarlberg startete am 15. März mit einer Inzidenz von 63 in den Versuch, zwei Wochen nach den Öffnungen lag sie bei 122, Ende April bei 236. Auch in ganz Österreich stieg, unter anderem mit der Verbreitung der britischen Virus-Variante, die Inzidenz seit Mitte Februar stark an. Allerdings lag hier der Höhepunkt schon Anfang April (252), um danach wieder abzufallen, auf 49 heute (25. Mai 2021). In Vorarlberg stieg die Inzidenz hingegen langsamer, erreichte aber ihren Spitzenwert erst Ende April (250 am 27. April), als die Neuinfektionszahlen in Österreich insgesamt schon wieder zurückgingen (166 am 27. April). Heute liegt die Inzidenz in Vorarlberg bei 75,8, also etwas höher als in Österreich insgesamt.

Der Landkreis Tübingen startete am 16. März mit einem Inzidenzwert von 35 (Stadt Tübingen: 20), am 1. April waren es 130 (110) und Ende April dann 206 (114). Als Folge des Anstiegs der Inzidenz auf über 100 in der Stadt Tübingen wurde die Außengastronomie am 6. April vorübergehend wieder geschlossen. Die Entwicklung folgt in etwa der Inzidenzkurve in Deutschland insgesamt, wo die Werte Mitte März bei 90, am 1. April bei 134 und am 26. April bei 169 lagen, was den Höhepunkt der 3. Welle markierte. Heute liegt die Inzidenz in Tübingen bei 63,8, deutschlandweit bei 58.

Im Saarland, das am 6. April mit einer 7-Tage-Inzidenz von 89 startete, waren es nach einer Woche 121, am 24. April fast 150, danach fiel dieser Wert ab, auf jetzt 75.

Wie hat sich die Situation in den Krankenhäusern entwickelt?

Mit der Zahl der Neuinfektionen stieg auch die Zahl der Covid-19-Patienten auf den Normal- und den Intensivstationen. Im Landeskrankenhaus Vorarlberg lagen kurz nach dem Start der Modellregion 17 Covid-Patienten auf der Normalstation und zwei auf der Intensivstation. Anfang April stieg diese Zahl bis auf 22 und 14, danach ging sie langsam runter. Zum Vergleich: Auf dem Höhepunkt der zweiten Welle waren es 179 und 44 Patienten.

Das Universitätsklinikum Tübingen hat aktuell 31 Covid-19-Patienten, von denen 18 auf der Intensivstation liegen. Am Beginn des Modellprojekts waren es 10 (5), die Zahl stieg bis Ende April auf 31 (18) an, und Anfang Mai dann noch einmal auf 38 (23). Im Saarland lagen beim Start des Modellprojekts 164 Menschen wegen einer Covid-Erkrankung im Krankenhaus, 53 davon auf der Intensivstation. Eine Woche später waren es 176 (56) und am 23. April 156 (65).

Wie viel wurde getestet und wie hoch waren die Positivraten?

In Vorarlberg wurden die Testkapazitäten ab Anfang 2021 hochgefahren. Registrierte man dort im Dezember noch rund 3.000 Tests pro Tag, waren es im März schon 20.000 und Ende April rund 28.000. Die Positivrate lag zwischen 0,1 Prozent Mitte März, 0,3 Prozent Ende März und 0,6 Prozent Ende April, als der Höhepunkt der dritten Welle Vorarlberg erreichte. Im Mai lag die Positivrate wieder bei 0,1 Prozent.

Laut einem Zwischenbericht der Universität Tübingen vom 21. April, die den Modellversuch begleitete, pendelte die Positivrate hier zwischen 0,06 und 0,19 Prozent. Die Zahl der Tests stieg dabei von rund 5.000 pro Woche (8. bis 14. März) auf mehr als 24.000 (15. bis 21. März) und danach über 30.000. Insgesamt wurden in den sechs Versuchswochen den Angaben zufolge rund 165.000 Tests gemacht.

Im Saarland liegen Daten zu Tests und Positivrate im Detail nur zu den PCR-Tests vor. So wurden in der Woche vom 12. bis 19. April rund 18.000 PCR-Tests untersucht, die Positivrate lag bei 8,23 Prozent. Eine Woche davor lag der Wert bei 15.600 und 6,75 Prozent. Mitte Mai wurde ein Wert von 13.700 und 9,01 Prozent gemeldet. An Schnelltests wurden in den ersten drei Modellwochen jeweils zwischen 300.000 und 400.000 Tests registriert. Die Positivrate lag dabei zum Beispiel bei 0,13 Prozent Mitte April und 0,09 Prozent Ende April.

Was lernen wir nun daraus?

Die Forscherin Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation sagte der dpa vor einigen Wochen, dass sich aus einer einzigen Modellregion keine wissenschaftlichen Erkenntnisse ziehen ließen. Lernen könne man nur aus dem Vergleich mehrerer Modellregionen. Betrachtet man die Inzidenzen und die Zahl der Corona-Erkrankungen wird deutlich: In der Zeit, in der die Modellprojekte liefen, sind in allen drei Regionen die Werte gestiegen - und zwar mitunter stärker als im Bundesdurchschnitt (oder: nicht stärker, dafür aber später). Die Verantwortlichen für die Projekte und auch ihre wissenschaftlichen Begleiter führen das jedoch nicht auf die Öffnungen zurück, sondern auf andere Faktoren: etwa auf Clusterbildung im privaten Bereich und eine verzögerte Ausbreitung der britischen Variante (Vorarlberg) oder eine Vielzahl von Besuchern von Auswärts, die das Angebot auch nutzen wollten (Tübingen).

Im vorläufigen Abschlussbericht der Modellstadt Tübingen steht zum Beispiel: "Die zusätzlichen Öffnungen haben nicht zu einem messbaren Anstieg der Infektionen geführt. Der Kontrolleffekt intensiven Testens kompensiert die zusätzlichen Risiken einer geöffneten Stadt." Die Inzidenz in der Stadt habe am Ende des Versuchs 40 Prozent der Inzidenz im restlichen Landkreis und 60 Prozent des Landesdurchschnitts betragen.

Der Vorarlberger Landeshauptmann Markus Wallner betonte in seinem Fazit zum Modellversuch, dass das Infektionsgeschehen insgesamt unter Kontrolle geblieben sei und die coronabedingte Auslastung der Spitäler - insbesondere auf den Intensivstationen - nie in die Nähe der Kapazitätsgrenzen geraten sei. Die Öffnungen in Gastronomie, Kultur und Jugendsport hätten keinen nennenswerten Fallanstieg verursacht.

Mit flächendeckenden Öffnungen der Außengastronomie mit Maske und Test werden nun nach und nach immer mehr Regionen zu "Modellregionen". Wie sich das auf die Zahl der Infektionen und Erkrankungen auswirkt, wird sich erst in einigen Tagen bis Wochen zeigen. Neben den Testungen und dem schnellen Isolieren von Clustern, wie es offenbar in Vorarlberg einige Male gelungen ist, spielt ja noch ein anderer Faktor eine zunehmende Rolle: die Impfungen.

Bei allen Bedenken, die bei Schnelltests bestehen, sind solche Angebote für viele Menschen aber offenbar auch eine Motivation, sich überhaupt testen zu lassen. So stellte der Landkreis Tübingen in seinem vorläufigen Abschlussbericht in einer Art Nebenerkenntnis fest, dass sich die Zahl der Tests nach dem Ende des Versuchs auf 1.500 pro Tag reduziert habe. Die Schlussfolgerung: Wer keinen Anreiz hat, lässt sich auch nicht testen.

Verwendete Quellen:

  • Dashboard und Tagesberichte des Robert-Koch-Instituts
  • Dashboard Vorarlberg
  • Grafiken des ORF
  • Website der saarländischen Landesregierung
  • Website des Landkreises Tübingen, zu dem die Stadt Tübingen gehört
  • Vorläufiger Abschlussbericht der Modellregion Tübingen
  • Website des Universitätsklinikums Tübingen
  • Website der Landesregierung Vorarlberg
  • Website des Landeskrankenhauses Vorarlberg