• Thüringen hat Sachsen überholt: In keinem anderen Bundesland ist die Sieben-Tage-Inzidenz derzeit so hoch wie in dem Freistaat im Zentrum der Republik.
  • Zugleich wurde dort bisher vergleichsweise wenig geimpft.
  • Wir erklären, was hinter den beiden Entwicklungen steckt.
Eine Analyse

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Wieder über 20.000 Neuinfektionen, wieder über 1.000 Corona-Tote an einem Tag. SARS-CoV-2 grassiert weiter in Deutschland, doch die Unterschiede zwischen den Bundesländern sind aktuell enorm: Die höchste Anzahl an Neuinfektionen innerhalb einer Woche je 100.000 Einwohner hat dem Robert-Koch-Institut (RKI) zufolge Thüringen mit 287,6.

Vor wenigen Tagen hat der Freistaat das lange als Corona-Hotspot verschriene Nachbarbundesland Sachsen überholt. Die drei Landkreise mit den bundesweit höchsten Inzidenzen liegen mittlerweile allesamt in Thüringen:

  • Saalfeld-Rudolstadt (Inzidenz 524,2)
  • Altenburger Land (Inzidenz 501,2)
  • Hildburghausen (Inzidenz 444,6)

Dazu kommt: Im Verhältnis zur Bevölkerungszahl sterben in dem Bundesland im Herzen Deutschlands – außer in Sachsen – nirgendwo so viele Menschen an oder mit COVID-19. Bisher erlagen dort 1.556 Menschen der von dem Virus verursachten Lungenerkrankung.

Wie ist der Anstieg der Corona-Infektionen zu erklären? Und warum wird in Thüringen zugleich so wenig geimpft wie in kaum einen anderen Bundesland?

Ramelow: "In Thüringen brennt gerade die Hütte"

Für den Thüringer Ministerpräsidenten Bodo Ramelow (Die Linke) ist die Schuldfrage klar: "Auf dem Land war das ganze Jahr über so gut wie nichts los, viele kehrten zu alten Umgangsformen zurück", sagte er laut "Thüringer Zeitung" am Mittwoch bei der Eröffnung eines Impfzentrums in Weimar. Er sehe bei den Menschen eine "gewisse Sorglosigkeit".

Nun bekomme man die Quittung für die Feiertage, an denen sich viele in privatem Rahmen angesteckt hätten. "Ich merke, dass bei mir in Thüringen gerade die Hütte brennt", hatte Ramelow bereits am Sonntag gesagt – und Lockerungen in der Corona-Pandemie entschieden abgelehnt.

Ganz so monokausal wie die Begründung des Landesvaters dürfte die Entwicklung wohl nicht zu erklären sein, wie ein Blick auf den Thüringer Corona-Hotspot Saalfeld-Rudolstadt zeigt. Nach Angaben des dortiges Landratsamtes seien die hohen Fallzahlen auch Auswirkungen von geschlossenen Arztpraxen während der Weihnachts- und Neujahrsfeiertage, wie "Thüringen 24" berichtet.

Dazu kommt womöglich noch ein verschärfender Faktor: Der Landkreis wies laut aktuellsten verfügbaren Zahlen von 2019 mit 49,7 Jahren eines der höchsten Durchschnittsalter in Deutschland auf. 38,3 Prozent der Einwohner waren über 60 Jahre alt, 9,5 Prozent sogar über 80 Jahre (Im Altenburger Land ist die Bevölkerung sogar noch älter). Im Kreis Saalfeld-Rudolstadt gebe es laut "Ostthüringer Zeitung" eine überdurchschnittlich hohe Zahl von Plätzen in Senioren- und Pflegeheimen.

Steckt sich ein Senior oder eine Rentnerin mit dem Coronavirus an, zeigen diese deutlich öfter Symptome als jüngere Menschen. Aus diesem Grund werden Ältere überproportional häufig auf SARS-CoV-2 getestet.

Der Anteil der positiven Corona-Tests bei über 80-Jährigen lag bundesweit in der ersten Januarwoche bei 13,1 Prozent und damit fast doppelt so hoch wie bei ihrem Anteil in der Bevölkerung (6,8 Prozent) zu erwarten wäre.

Thüringen hat 14 Impfzentren in Betrieb genommen

Sind die Gründe für die derzeit hohen Fallzahlen in Thüringen nicht genau zu ermitteln, ist das beim Impfen anders. In keinem Bundesland – außer in Baden-Württemberg – ist die Impfquote bisher so niedrig wie in Thüringen. Sie beträgt nur 0,9 Prozent (Stand 15. Januar, 11:00 Uhr). Zum Vergleich: In Mecklenburg-Vorpommern beträgt die Quote laut RKI derzeit 2,3 Prozent, in Schleswig-Holstein 1,8 Prozent.

"Wir haben uns zu Beginn insbesondere darauf fokussiert, die Krankenhäuser und die Pflegeeinrichtungen mit Impfstoffen zu versorgen. Dort waren die größten Ausbrüche zu verzeichnen", erklärt das Thüringer Gesundheitsministerium auf Anfrage unserer Redaktion.

Andere Bundesländer haben von Beginn an und parallel auch in Impfzentren das Corona-Vakzin gespritzt. "Daher kommen sie zunächst schneller auf höhere Zahlen", heißt es in der Stellungnahme weiter. In Thüringen wurden am Mittwoch die ersten 14 Impfzentren in Betrieb genommen, weitere sollen schrittweise ab dem 3. Februar folgen.

"Das wird weiteren Schub geben und sich in den kommenden Tagen auch in den Zahlenmeldungen widerspiegeln", betont die Behörde. "Es liegt nichts auf Lager." Alle Impfdosen seien verplant und verteilt.

Laut internen Plänen sollen alle Vorräte bis Sonntag verimpft werden

Interne Planungen des Thüringer Gesundheitsministeriums zeigen: Bis Sonntag sollen in dem ostdeutschen Bundesland laut einer Liste vom 7. Januar 29.250 Menschen geimpft werden. Laut RKI haben bisher 19.230 Menschen (Stand: 15. Januar, 11:00 Uhr) das Vakzin bekommen, davon die Mehrheit aufgrund einer beruflichen Indikation.

Biontech und sein US-Partner Pfizer sollen 58.500 Impfdosen nach Thüringen geliefert haben, die nächste Charge mit 19.500 Dosen wird am kommenden Montag erwartet.

Das Ministerium betont derweil unentwegt, "dass es hier nicht um einen Wettlauf um Zahlen geht". Tatsächlich geht es darum, dass sich möglich viele Menschen freiwillig impfen lassen. Am Vakzin sollte es zumindest auf lange Sicht nicht fehlen. Nach der Zulassung des zweiten Impfstoffes, der des US-Herstellers Moderna, begann dessen Verteilung in Deutschland am Dienstag.

Verwendete Quellen:

  • Schriftliche Stellungnahme des Thüringer Ministeriums für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie
  • Robert-Koch-Instituts: Digitales Impfquotenmonitoring zur COVID-19-Impfung; tägliche Situationsberichte; COVID-19-Dashboard
  • Thüringer Allgemeine: "Saalfeld-Rudolstadt hat höchste Inzidenz im Land – Ramelow macht "gewisse Sorglosigkeit" verantwortlich"
  • Thüringen 24: "Das ist der Grund für die hohen Fallzahlen in Saalfeld-Rudolstadt"
  • Ostthüringer Zeitung: "Saalfeld-Rudolstadt: Der aufhaltsame Aufstieg zum Hotspot"
  • Statista: "Städte und Landkreise mit dem höchsten Durchschnittsalter in Deutschland im Jahr 2019"
  • Statistisches Bundesamt: "Interaktive Karte mit Altersgruppen auf Kreisebene 2019"
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