Immer mehr Bürger widersetzen sich den Maßnahmen der Politik. Manchen geht es nur um Aufmerksamkeit, viele machen sich ernsthaft Sorgen, andere haben schlicht keine Lust mehr auf Einschränkungen.

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Am vergangenen Wochenende twitterte Christopher Lauer ein Foto aus dem Berliner Weinbergspark. Es zeigte mehr als hundert Menschen, die eng gedrängt in der Sonne saßen und keinen Abstand hielten. Darunter schrieb er: "Zu diesem Bild aus dem Weinbergspark in Berlin-Mitte fällt mir leider nichts mehr ein. Ist von jetzt gerade."

Lauer war eines der bekanntesten Gesichter der Piratenpartei, heute ist er als eine Art politischer Influencer im Netz unterwegs, auf Twitter hat er fast 45.000 Follower. "Mein Tweet ist ziemlich rumgegangen", sagt Lauer. Das Foto wurde mehr als eine Viertelmillion Mal aufgerufen, fast tausend Menschen kommentierten es.

Es entfachte eine aggressive Debatte zwischen jenen, die sich an die Corona-Regeln der Politik halten, und solchen, die die Einschränkungen satthaben. "Polizei Berlin, bitte einmal aufräumen :)", forderte ein Nutzer. Ein anderer meinte, die Unvernünftigen rissen die Vernünftigen mit in den Abgrund: "Es ist so schrecklich." Nicht wenige Kommentatoren ließen ihrem Hass freien Lauf: "Bombe rein, glücklich sein", "Die sollen sich alle so sehr ficken!", "Shithole Berlin".

Rüde Debatte über die Corona-Maßnahmen

Rasch meldete sich auch das Gegenlager zu Wort. "Wo ist das Problem, solange die Zahlen so niedrig bleiben wie bisher?", fragte ein Nutzer. Ein anderer fand, die Leute ließen sich eben nicht auf Dauer einsperren. "Höchste Zeit, dass mehr Menschen rausgehen, um sich ihr Leben zurückzuholen." Lauer gebe den "Blockwart", hieß es, sein Post zeige seine "Stasimentalität".

Es war eine rüde Debatte, wie sie dieser Tage vielerorts geführt wird. Die Corona-Maßnahmen halten die Bürger nicht nur auf Abstand, sie schaffen auch Distanz zwischen Menschen, die sich bislang nahe waren. Lauer sagt, er habe das Foto aus Resignation getwittert. Er sei seit dem 14. März nur noch zum Einkaufen und für Spaziergänge vor der Tür gewesen. Er trage auch stets eine Schutzmaske. Als er die Menschen im Park gesehen habe, sei er fassungslos gewesen. "Ich schränke mich ein, nehme die Pandemie ernst, und die sitzen im Park und trinken Bierchen?"

Schneller als das Virus verbreitet sich gerade eine Aggressivität, die das Potenzial hat, die Gesellschaft zu spalten. Es wächst der Frust über die Dauer der Einschränkungen, über ihre ökonomischen, sozialen und psychischen Folgen. Zugleich verzweifeln jene, die sich brav an die Regeln halten, an der Renitenz vieler Mitbürger – und werden ebenfalls aggressiver.

Dabei steht Deutschland bei der Corona-Bekämpfung im Vergleich bislang gut da. In der internationalen Presse wird der deutsche Weg als vorbildlich gepriesen. Die Sterberate ist im Vergleich zu anderen Ländern sehr gering. Der befürchtete Zusammenbruch des Gesundheitswesens ist bislang ausgeblieben.

Neue Fragen verdrängen breite Akzeptanz

Hinzu kommt: Verglichen mit Ländern wie Frankreich, Italien oder Spanien, wo ohne Bescheinigung bis heute niemand seine Wohnung verlassen darf, waren die Maßnahmen in Deutschland moderat. Und derzeit fallen weitere Einschränkungen im Wochentakt weg.

Doch während es in den ersten Wochen der Krise eine breite Akzeptanz der neuen Regeln gab, werden nun andere Fragen gestellt: ob man nicht maßlos übertrieben habe? Ob es das alles wert sei - der Einbruch der Konjunktur, der drohende Untergang ganzer Wirtschaftszweige, die Überlastung vieler Familien, die psychologischen Folgen der Einschränkungen? Es gibt Kundgebungen, Demonstrationen, Aufrufe, Klagen vor Gerichten. In den Medien melden sich immer mehr Skeptiker zu Wort, Experten wie Wichtigtuer. "Schon jetzt ist zu sehen, dass die Stimmung in der Bevölkerung kippt", glaubt Friedrich Merz, einer der Kandidaten für den CDU-Parteivorsitz.

Zu den Kritikern zählen öffentlichkeitsgierige Lautsprecher wie der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne), der einfach mal "ganz brutal" erklärte: "Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären - aufgrund ihres Alters und ihrer Vorerkrankungen." Es gibt den Theaterregisseur und langjährigen Intendanten der Berliner Volksbühne, Frank Castorf, der in einem SPIEGEL-Interview sagte, er wolle sich nicht von Frau Merkel "mit einem weinerlichen Gesicht sagen lassen, dass ich mir die Hände waschen muss" und sich einen "republikanischen Widerstand" wünscht.

Ärger bei Künstlern, Gastronomen und Eltern

Doch Kritik kommt inzwischen auch von Millionen Menschen die sich weniger halsbrecherisch ausdrücken, aber ebenfalls wütend sind – und meist gute Gründe für ihre Verzweiflung haben. Vor allem jene, die am stärksten von den Einschränkungen betroffen sind: Künstler, Gastronomen, Eltern, aber auch Ärzte und Psychologen, die vor einer Vernachlässigung jener Kranken warnen, die nicht unter Corona leiden.

Und dann gibt es noch den stillen Widerstand vieler Bürger, die sich in Umfragen vielleicht einverstanden mit den Maßnahmen erklären, sich im Alltag aber längst nicht mehr an Gebote wie Abstandsregeln oder Besuchsbestimmungen halten. Die Mobilität der Deutschen steigt stark an, die Zahl der Begegnungen auch.

In der politischen Debatte wird das "Team Risiko" vom nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Armin Laschet angeführt, während das "Team Disziplin" von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bayerns Ministerpräsidenten Markus Söder vertreten wird. Doch der Riss geht durch alle Gruppen der Gesellschaft, es streiten Politiker, Publizisten, Nachbarschaften, Freunde, Familien. Durch Deutschland zieht sich ein Corona-Graben.

Der prominenteste und wohl einflussreichste Virologe hierzulande, Christian Drosten, spürt die Veränderung des gesellschaftlichen Klimas am eigenen Leib. Von den einen wird er als Halbgott mit Wuschelhaaren gefeiert, von anderen als Hauptschuldiger an der Misere verflucht. Inzwischen aber, so berichtete er dem "Guardian", landeten sogar Morddrohungen in seinem E-Mail-Postfach.

"Mit Lockerungen ein falsches Signal gesetzt"

Aber er werde nicht aufhören, zu mahnen, versicherte Drosten, weil er verhindern wolle, dass die Deutschen das Erreichte "über Bord schmeißen". Auch seine Kollegin Melanie Brinkmann vom Braunschweiger Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung fürchtet die Folgen des neuen Laisser-faire. "Die Regierung hat mit den Lockerungen nun ein falsches Signal gesetzt", sagt Brinkmann. Sie fürchte, dass die Menschen "das Virus jetzt nicht mehr so ernst nehmen".

Die neue Gereiztheit im deutschen Corona-Alltag lässt sich dieser Tage an vielen Orten beobachten. In einem Supermarkt im bayerischen Wilhermsdorf kam es zu einem Streit zwischen einer Kassiererin und zwei Kunden, die sich nicht an die Abstandsregeln halten wollten. Ein 31-jähriger Mann entriss der Verkäuferin eine Gurke und warf sie in ihre Richtung. Die Polizei musste anrücken.

Als die Ärztin Laura Komma aus Esslingen neulich in ihrem Tante-Emma-Laden einkaufen wollte, stand sie mit vielen älteren Menschen im Geschäft, von denen niemand Mund-Nasen-Schutz trug. Komma, die selbst an einer Autoimmunkrankheit leidet, sprach die Kunden an und bat darum, das nächste Mal doch bitte mit Maske einkaufen zu gehen. Doch sie wurde nur angemeckert: "Die bringen doch nichts" oder "Ich habe schon so viel erlebt im Leben, ich lass mir doch von Ihnen jetzt keine Angst vor einem Virus einjagen". Da platzte der Ärztin der Kragen. "Sie schützen aber andere, wenn Sie eine Maske tragen", herrschte sie eine der Seniorinnen an, "zum Beispiel mich." Sie brach den Einkauf ab und ging nach Hause, wütend über den "Egoismus der Alten", wie sie ihn nennt.

Wachsende Wut bei vielen Demonstrationen

An vielen Orten des Landes finden dieser Tage Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen statt. Schon seit dem 28. März wird auf dem Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin-Mitte vor der Volksbühne demonstriert, jeden Samstagnachmittag. "Hygienedemo" nennt sich die Veranstaltung, es geht dabei aber nicht ums Händewaschen, sondern um das Grundgesetz, das aus Sicht der Demonstranten unter die Räder kommt.

Angefangen hat es mit linken Aktivisten, Berliner Künstlern und ehemaligen Besetzern der Volksbühne. Doch dann kamen Rechte, Neonazis und andere Zeitgenossen hinzu, die immer gern am Start sind, wenn es gegen die Regierung geht.

Da ist der Großvater, der auf seiner Mundharmonika die Nationalhymne bläst, die ältere Frau, die gern mal wieder ihre Enkel in Frankreich sehen würde. Andere Demonstranten haben das Grundgesetz unterm Arm. Die meisten tragen keine Masken, wenn doch, sind es solche, auf denen ein fettes Grinsen aufgemalt ist.

Wachsende Wut ist auch in Stuttgart zu beobachten, wo die Initiative "Querdenken 711" seit drei Wochen Demos gegen die Corona-Maßnahmen organisiert. Man protestiert gegen Maskenpflicht, Reisebeschränkungen oder Kontaktverbote.

Anfangs waren es 30 Demonstranten, an diesem Samstag rechnet der Initiator Michael Ballweg mit mehr als 3000. Weil der Marktplatz als Versammlungsort zu klein ist, wollen die Initiatoren auf den Cannstatter Wasen ausweichen.

Unmut nicht nur bei Verschwörungstheoretikern

Auch in Magdeburg kamen am Mittwochabend viele Menschen auf den Domplatz. Die Landtagsfraktion der AfD hatte zu einer Kundgebung gegen die "aktionistischen Maßnahmen der Bundes- und Landesregierungen" aufgerufen. 50 Teilnehmer sind offiziell zugelassen, Absperrgitter grenzen die Fläche auf dem Platz ab, grüne Kreuze auf dem Boden markieren die Stellen, an denen die Demonstranten stehen sollen.

Doch mehr als 300 Menschen sind gekommen, die meisten stehen außerhalb der Fläche. Ein Mann sagt, es würden mehr Menschen an Krebs sterben als an dem "scheiß Husten, und bei Krebs machen sie nichts". Ein anderer Mann warnt auf seinem T-Shirt vor dem "Psychoterror" von Merkel, Drosten und Ministerpräsident Reiner Haseloff.

Aber es sind nicht nur chronische Merkel-Hasser oder AfD-nahe Verschwörungstheoretiker, die ihren Unmut öffentlich kundtun. Viele treibt eine existenzielle Angst, die Sorge ums eigene Kind, kranke Mitmenschen, die wirtschaftliche Existenz.

Der Hamburger Gastronom Jörg Meyer, macht seine Facebook-Seite mit einer Art Schlachtruf auf: "Kill the Virus. Not our Business", steht dort auf grünem Untergrund. Meyer, 45, erzählt am Telefon, dass die Politik in seinen Augen komplett den Verstand verloren habe.

"Dass die mit diesem Lockdown willentlich alles gegen die Wand fahren lassen, quasi den Mittelstand enteignen und damit für soziale Unruhe sorgen – heute und in den nächsten Jahren, das ist für mich völlig absurd", sagt der Besitzer der Bar Le Lion

Gastronomie verärgert über Peter Altmaier

Meyer ist eine Größe in der Gastroszene. Seit Wochen muss er nun mitansehen, wie das Geld verschwindet, weil er seine Bars nicht öffnen darf, während der Einzelhandel mittlerweile wieder verkauft.

"Die ersten 100.000 Euro sind schon so was von verraucht", sagt er. Soforthilfe sei noch immer nicht auf seinem Konto, das Kurzarbeitergeld für seine 16 Mitarbeiter sei auch nicht in Sicht. "Wenn das nächsten Monat nicht kommt, kann ich hier alles abschließen."

Verärgert ist Meyer auch über Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier. Der renne von einer Talkshow zur anderen und sage: Wir kümmern uns um alle, kein gesundes Unternehmen werde bankrottgehen. "Da denk ich mir, ist der weich im Schädel?", sagt Meyer. "Als Mensch, als Bürger hätte ich mir von der Politik mehr Ehrlichkeit gewünscht."

Zusammen mit dem TV-Koch Tim Mälzer und anderen Gastronomen hat sich Meyer vor ein paar Tagen auf den Rathausplatz gestellt, um auf die Lage seiner Branche aufmerksam zu machen.

Mehr als 400 Stühle bauten die Wirte auf, ein trauriges Bild, auch Meyer trug seine mit grünem Samt überzogenen Barhocker nach draußen, Hashtag "LeereStühle".

Beschränkungen vs. Schutz von Risikogruppen

"Der Staat sollte alle ergriffenen Maßnahmen suspendieren und zum Normalzustand zurückkehren", verlangt Dirk Gratzel aus Stolberg, dessen Firma Greenzero CO²-armes Wirtschaften ermöglichen will, deren Projekte aber ebenfalls unter den Auswirkungen der Krise leiden.

Gratzel, 52, würde statt weiterer Beschränkungen auf einen verschärften Schutz von Risikogruppen setzen. Außerdem, sagt er, sei das Risiko, an zu fettem Essen, Rauchen, zu viel Zucker, Alkohol oder zu wenig Bewegung zu sterben, deutlich höher. "Wenn wir die Zahl der Toten in Deutschland drastisch senken wollen, sollten die Politiker dort ansetzen und zwar langfristig, statt das ganze Land weiter in den Lockdown zu zwingen."

Selbst unter Ärzten und Psychiatern wächst der Zweifel, ob die Maßnahmen der Politik verhältnismäßig sind. "Ich glaube nicht, dass der fortgesetzte Lockdown in einem Verhältnis zum Ertrag steht", sagt der Bochumer Pneumologe Santiago Ewig, Chefarzt am Thoraxzentrum Ruhrgebiet.

Er sieht "sehr große Kollateralschäden mit unabsehbaren Folgen" in unserer Gesellschaft, "ökonomisch, kulturell, psychisch und bei der Versorgung von Patienten jenseits von Corona". Covid-19 sei in seiner aggressiven Form gewiss eine ernsthafte Bedrohung, "aber wir sollten sie einordnen in eine von vielen Bedrohungen, mit denen wir den Umgang lernen müssen".

Psychiater warnen vor immer mehr Einsamkeit

Was das bedeutet, formuliert der Kölner Lungenfacharzt Elmar Storck so: "Den Menschen wieder als soziales Wesen leben lassen und sich auf Hochrisikopatienten konzentrieren, Bewohner in Altenheimen besser schützen, aber zugleich auch Besuch empfangen lassen." Es sei unmenschlich, diese von der Familie abzuschotten.

Psychiater gehen auch davon aus, dass viele Menschen mit der Quasi-Quarantäne nicht klarkommen, mit drohendem oder faktischem Arbeitsplatzverlust, mit wirtschaftlicher Existenznot, mit Einsamkeit. Und sie beobachten, dass diese Menschen nun den Weg zu Fachärzten meiden und das Problem unbehandelt lassen.

Auch Eltern leiden zunehmend darunter, die eigene Arbeit mit Heimunterricht und Betreuung der Kinder zu vereinbaren, vor allem Alleinerziehende wie Anita aus Hamburg. Sie möchte nicht mit ihrem Nachnamen genannt werden.

Anita arbeitet halbtags im Gesundheitswesen. Vor Corona durfte die Großmutter bei der Betreuung ihres vierjährigen Sohnes Maximilian helfen, vor Corona ging der Kleine auch mal zu einem anderen Kind zum Spielen. Das fällt nun alles weg.

Vor lauter Erschöpfung ist sie am vorigen Sonntag dann doch zur Oma gefahren, um in deren Garten zu verschnaufen. Als die Oma die Müdigkeit der Tochter sah, behielt sie das Kind bei sich und schickte ihre Tochter nach Hause. Zum Ausschlafen.

Besonders prekäre Situation an vielen Schulen

Nun hat Anita ein schlechtes Gewissen, vor allem der eigenen Mutter gegenüber. Sie hatte sich wochenlang an das Kontaktverbot gehalten, keine Freunde getroffen, die Großeltern nicht besucht.

Durchgehalten hat sie es am Ende nicht. Deshalb drängt sie auf weitere Lockerungen, vor allem für Schulen und Kitas. "Das schlägt sonst auf die Psyche der Leute."

Judith K. sieht das anders, und auch sie hat sehr gut Gründe für ihre Position. Die 52-Jährige arbeitet als Lehrerin an einer Sonderschule mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung in der Nähe von Köln.

168 Kinder gehen auf die Schule. Derzeit sind 5 in der Notbetreuung, und K. beobachtet, wie schlecht sie die verordneten Schutzmaßnahmen einhalten können.

Während in Nordrhein-Westfalen viele Schulen wieder öffnen, ist die von Judith K. noch geschlossen - und darüber regen sich immer mehr Eltern auf. "Gestern hat mich mal wieder die Mutter eines Mädchens angeraunzt: was mir eigentlich einfalle? Ich solle endlich die Schule wieder aufmachen. Ich sei doch nur zu faul."

K. kann die Verzweiflung sogar verstehen. "Die Eltern sind mit den Kräften am Ende. Die sind überfordert." Trotzdem hofft sie, dass ihre Schule noch lange geschlossen bleibt, aus Sorge um ihre Schüler.

Betroffene in Angst vor weiteren Lockerungen

Es gibt viele Menschen in Deutschland, die große Angst vor weiteren Lockerungen haben. Michaela Willhardt gehört dazu. Die 46-jährige Mutter lebt mit einem angeborenen Immundefekt, das Coronavirus ist eine ernsthafte Gefahr für sie. Ein Arzt hat ihr geraten, im Haus eine FFP2-Maske zu tragen, sobald ihr achtjähriger Sohn wieder in die Schule gehe, und zwar auf unbestimmte Zeit. Außerdem soll sie ihm nicht nahekommen. Seit Beginn der Krise hat Willhardt das Haus nicht mehr verlassen, zwei Freundinnen erledigen abwechselnd die Einkäufe für die Familie, ihr Sohn trifft sich nicht mehr mit Freunden.

Willhardt versteht den Wunsch vieler Leute, zur Normalität zurückzukehren. Sie hat ihn ja auch. "Aber ich würde mich sehr viel wohler fühlen, wenn die Einschränkungen noch ein paar Wochen länger dauern würden, damit die Zahl der Infizierten schneller und stärker sinkt."

Das ist die neue Realität in Deutschland, das Zeitalter der Unversöhnlichkeit. Fast alle, die sich im Streit über die Corona-Maßnahmen gegenüberstehen, haben gute Gründe und Argumente auf ihrer Seite. Aber es gibt keine Lösung, um beiden Lagern und ihren Bedürfnissen gleichermaßen gerecht zu werden.

Die Politik versucht sich inzwischen an einem Kompromiss. Sie will die Pandemie weiter bekämpfen und zugleich deren Kollateralschäden lindern. Wie das Experiment endet, ist völlig offen. Sicher ist nur, dass die Bundesregierung selbst einen Anteil daran hat, dass die Akzeptanz der von ihr verhängten Maßnahmen schwindet und viele Bürger verunsichert sind.

Verwirrung und Misstrauen in der Bevölkerung

Die Überlegungen, die hinter den Entscheidungen der Regierung stehen, blieben oft diffus. Das fällt besonders auf, wenn die Kanzlerin und ihr Kanzleramtschef Helge Braun die Strategie ändern, was während der Krise nun schon häufiger geschehen ist. So entstehen Widersprüche, die nicht aufgelöst, und Richtungswechsel, die nicht erklärt werden.

Schulschließungen lehnte die Politik in Bund und Ländern zunächst mehrheitlich ab, dann war sie plötzlich dafür, da Virologe Drosten über Nacht eine neue Studie aus den USA gelesen und seine Meinung zum Thema geändert hatte. Den Sinn von Masken als Infektionsschutz stellte die Regierung anfangs infrage, heute herrscht bundesweit Maskenpflicht. Auch bei den Zielen in der Pandemiebekämpfung änderte die Regierung ihre Ansagen.

Mal war die Frage, in wie vielen Tagen sich die Zahl der Infizierten verdoppelt, relevant, mal der sogenannte Reproduktionsfaktor. Seit wenigen Tagen nun blickt man im Kabinett auf eine andere Zahl, die der Neuinfizierten. Nur wenn sie nicht zu schnell steigt, können die Infektionsketten nachverfolgt werden, heißt es. Wieder ein Wechsel, wieder Verwirrung, die zum Misstrauen in der Bevölkerung beiträgt.

Diese Mängel spielen den Gegnern der Corona-Maßnahmen in die Hände. Theaterregisseur Castorf etwa zweifelt angesichts der Zahl von bislang rund 6000 deutschen Corona-Toten am Ernst der medizinischen Notlage im Lande. Er beklagt eine "Ideologisierung" der Politik, die sich seiner Meinung nach auf keineswegs zuverlässige wissenschaftliche Ratschläge und eine fragwürdige Weltsicht berufe.

Paradoxon wird Deutschland lange begleiten

So konnte zuletzt der Eindruck entstehen, dass all die Warnungen der Politik vor der Katastrophe übertrieben waren. Tatsächlich verlieren mehr Bürger inzwischen die Angst vor der Seuche, obwohl sie noch genauso aggressiv und tödlich ist wie vor sechs Wochen. Viele denken, es sei alles noch mal gut gegangen.

In der Gesundheitsforschung ist dieses Phänomen bekannt. Es nennt sich Präventionsparadox. Demnach kann eine präventive Maßnahme, die für eine Bevölkerung einen hohen gesundheitlichen Nutzen hat, dem einzelnen Menschen oft nur wenig bringen oder ihm gar schaden.

Für eine Pandemiebekämpfung trifft das ganz besonders zu. Bei ihr ist es wichtig, dass harte Maßnahmen am besten zu einem Zeitpunkt ergriffen werden sollten, wenn die Zahl der Infizierten noch niedrig ist. Gelingt das und wirkt die Strategie, fällt die große Gesundheitskatastrophe, vor der so eindringlich gewarnt wird, am Ende aus. Und viele fragen sich dann, ob die Politik nicht maßlos überzogen hat.

Gerade das Ausbleiben eines Massensterbens kann also harsche Kritik verursachen, speziell dann, wenn die Bekämpfung der Pandemie schlimme soziale und wirtschaftliche Folgen hat.

Nicht nur mit dem Virus, auch mit diesem Paradoxon wird Deutschland wohl noch eine Weile klarkommen müssen.

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