Das Morning Briefing von Gabor Steingart - kontrovers, kritisch und humorvoll. Wissen, über was politisch diskutiert wird. Heute: Der gekaufte Aufschwung.

Gabor Steingart
Eine Kolumne
von Gabor Steingart
Diese Kolumne stellt die Sicht des Autors dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Guten Morgen, liebe Leser,

die ökonomische Stimmung in Deutschland ist besser als die heimische Lage. Der aktuelle ifo-Geschäftsklimaindex nähert sich mit einem Wert von 92,4 Punkten dem Vorkrisenniveau. Der Grund: Derweil die Bundesregierung den Lockdown-Tango tanzt – zwei vor, eins zurück – zeigen sich wichtige Handelspartner, die Vereinigten Staaten und die Volksrepublik China, in ökonomisch robuster Verfassung.

Der Aufschwung in beiden Wirtschaftsräumen ist der beste Aufschwung, den man für Geld kaufen kann:

Zuversicht in der deutschen Wirtschaft: Ifo-Geschäftsklimaindex

Der neue Präsident der Vereinigten Staaten will noch in dieser Woche ein 1,9 Billionen Dollar schweres Programm durch das Repräsentantenhaus bringen.

Wenn in der kommenden Woche auch der Senat zustimmt, womit zu rechnen ist, dürften der Einzelhandel, das Baugewerbe und der Dienstleistungssektor spürbar profitieren. Im Paket enthalten sind weitere direkte Finanzhilfen für die Privathaushalte, welche der einzelne konsumfreudige Amerikaner unverzüglich ausgeben soll, zur Not eben online.

Zuvor hatte bereits Donald Trump mit der großen Geldkanone geschossen, weshalb die Haushaltseinkommen im vergangenen Jahr um sechs Prozent stiegen – trotz einem Anstieg der Arbeitslosenquote auf zwischenzeitlich 15 Prozent.

Einen Scheck über 600 US-Dollar erhielten damals viele Amerikaner. Noch vor Amtsantritt Joe Bidens hatte sich das Repräsentantenhaus die Pandemie 4,9 Billionen US-Dollar kosten lassen. Über die US-Notenbank FED sitzt der Präsident mehr oder minder direkt an der Notenpresse.

Die Maßnahmen scheinen zu wirken: Für 2021 rechnet Statista mit einem Wirtschaftswachstum von 3,08 Prozent für die Vereinigten Staaten.

USA: Höchstes Rettungspaket weltweit

In China führt die Staatsführung ein straffes Anti-Corona-Regiment, das dazu beitrug, die Pandemie innerhalb kurzer Zeit nahezu zu besiegen.

Laut offiziellen Zahlen liegen die täglichen Neuinfektionen seit dem 9. März 2020, von einigen Ausnahmen abgesehen, durchschnittlich zwischen 20 und 40. Bisher hat die Volksrepublik 4.833 Todesfälle zu beklagen – bei knapp 1,4 Milliarden Einwohnern.

Vergleichsweise niedrig ist auch die Summe, welche der chinesische Staat zur Unterstützung der Wirtschaft bisher ausgab: Die Hilfsgelder belaufen sich auf lediglich 139,2 Milliarden US-Dollar. Das strikt unterbundene Infektionsgeschehen sorgt für eine florierende Wirtschaft: 2020 wuchs die chinesische Volkswirtschaft um 1,85 Prozent, für 2021 prognostiziert Statista ein Wirtschaftswachstum von 8,24 Prozent.

Das kommt auch der deutschen Wirtschaft zugute: Laut Statistischem Bundesamt ist China 2020 zum fünften Mal in Folge Deutschlands wichtigster Handelspartner gewesen. Gegenüber 2019 stieg der Außenhandel mit der Volksrepublik um drei Prozent an – trotz Corona.

Auch Europa, wohin rund 60 Prozent unserer Industrieprodukte exportiert werden, schlägt sich dank der umfangreichen Kreditprogramme der EU mehr als achtbar. Die Wachstumszahlen von Italien, Spanien und Frankreich werden laut dem Internationalen Währungsfonds für 2021 auf über fünf Prozent prognostiziert.

Insgesamt fließen aus den europäischen Hilfsprogrammen 818,16 Milliarden US-Dollar in die Stabilisierung der Nachfrage. Mit 2,06 Billionen US-Dollar ist der EU-Wiederaufbaufonds das größte kreditfinanzierte Konjunkturpaket der europäischen Geschichte.

Fazit: Der ifo-Geschäftsklimaindex reflektiert die Stimmung einer Volkswirtschaft, die unter dem Einfluss psychedelischer Substanzen steht. Schon bei leichten Entzugserscheinungen wird Kredit nachgespritzt. Der Kater kommt, aber womöglich deutlich später.

Ich wünsche Ihnen einen Tag der Gelassenheit. Herzlichst grüßt Sie

Ihr
Gabor Steingart

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