Seit einigen Wochen werden Schulen und Kitas für immer mehr Kinder geöffnet. Je nach Einrichtung liegt die Auslastung wegen der Corona-Pandemie aber nach wie vor nur bei einem Drittel bis der Hälfte. Einige Fachleute meinen, die Öffnung sollte zügiger vorangehen. Das sind die Argumente.

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Wenn Politik und Gesellschaft etwas aus der Corona-Pandemie gelernt haben, dann, dass alle schlauer sein werden, je mehr über das Virus herausgefunden wird. Und dass alles, was die Corona-Pandemie betrifft, Abwägungssache ist.

Das gilt vor allem für die Frage, wann Kinder und Jugendliche zu ihrem gewohnten Alltag zurückkehren sollen. Die Abwägung liegt hier zwischen: Wie hoch ist das Risiko, dass ein Regelbetrieb in Schulen und Kitas zu einem erneuten schnellen Anstieg der Infiziertenzahlen beiträgt? Und: Welchen Schaden nehmen Kinder, wenn sie über längere Zeit nicht oder nur unregelmäßig in die Schule und die Kita gehen können?

Viele Fachleute aus dem Bereich des Kinder- und Jugendschutzes sind der Ansicht, dass letzterer Punkt nach wie vor unterschätzt wird - und das Risiko zugleich überschätzt. Das sind ihre Argumente, warum möglichst schnell alle Kinder wieder in Kitas und Schulen zurückkehren sollten.

Kinder spielen bei der Ausbreitung des Virus keine besonders große Rolle

In einer viel beachteten Stellungnahme fünf großer Fachverbände für Hygiene, Kinder- und Jugendmedizin wurde die aktuelle Studienlage zu dem Thema beleuchtet. Demnach infizieren sich Kinder und Jugendliche seltener mit dem Virus, oder genauer: Sie zeigen seltener Symptome als Erwachsene. Gerade diese symptomlosen Verläufe werden von Kritikern schneller Öffnungen als Argument vorgebracht, dass Jüngere das Virus besonders gut weitergeben - weil man gar nicht erst merkt, dass sie krank sind.

Gestützt wird die Skepsis durch Studien, wonach die Konzentration von Coronaviren im Rachenbereich bei Kindern genauso hoch ist wie bei Erwachsenen. "Daraus ein höheres Übertragungsrisiko von Kindern auf andere Personen (zum Beispiel auf Erwachsene) abzuleiten, widerspricht der Beobachtung, dass bei den meisten gesicherten SARS-Cov-2-Nachweisen bei Kindern eine erwachsene Kontaktperson (zum Beispiel ein Elternteil) die Ansteckungsquelle war", heißt es in der Stellungnahme. Das belegten Studien aus China, Deutschland - und Frankreich, wo ein Kind mit SARS-CoV-2 in der Folge 172 Kontakte hatte, von denen sich aber keiner mit dem Virus infizierte. Die Autoren der Studie zu diesem Fall kamen zu dem Schluss, dass bei Kindern wohl die Übertragungsdynamik eine andere sei.

In der Stellungnahme der fünf Fachverbände gibt es auch eine Vermutung dazu: Das Übertragungsrisiko sei womöglich deswegen geringer, weil Kinder weniger stark husteten oder weil die Symptome bei ihnen schneller wieder weggingen. "Zwischen der in den oberen Atemwegen nachgewiesenen Viruslast und dem Übertragungsrisiko besteht kein linearer Zusammenhang, da letztlich die auf die Schleimhäute der Empfänger gelangte Virusmenge über eine Infektion entscheidet."

Erst kürzlich haben übrigens Wissenschaftler aus Großbritannien erforscht, wie wirksam die Schulschließungen bei der Eindämmung der SARS-1-Epidemie 2003 in China, Hongkong und Singapur waren. Sie fanden heraus, dass sie damals nur einen "begrenzten Nutzen" bei der Verlangsamung der Virus-Ausbreitung hatten.

Kinder erkranken seltener und weniger schwer

Dieses Argument wird eigentlich kaum angezweifelt, dennoch wird es selten angeführt, wenn es um die Öffnung von Kitas und Schulen geht. Schließlich geht es bei dem Thema vor allem auch darum, dass das Virus über Kinder und Jugendliche nicht an die stärker gefährdeten älteren Menschen kommt.

Davon abgesehen zeigt die Studienlage aber recht eindeutig, dass Kinder und Jugendliche mehrheitlich keine oder nur milde Symptome haben. Zu schweren Verläufen kommt es selten. Laut eines aktuellen Berichts des Robert-Koch-Instituts (RKI) liegt der Anteil der unter Zehnjährigen bei den Infizierten bei 2,0 Prozent, bei den zehn- bis 19-Jährigen bei 4,4 Prozent. In der gesamten Altersgruppe null bis 19 Jahre gibt es bislang drei COVID-19-Todesfälle.

Allerdings gab es zuletzt mehrere Berichte über eine Entzündungskrankheit bei Kindern, die in der Folge einer COVID-19-Erkrankung auftrat und lebensbedrohlich sein kann. Die Hygieniker, Kinder- und Jugendmediziner schreiben in ihrer Stellungnahme, dass Verdachtsfälle auf jeden Fall frühzeitig stationär überwacht und behandelt werden sollten. Sie schreiben aber auch, dass sie so selten seien, dass die Empfehlung, Kitas und Schulen zu öffnen, trotzdem gegeben werden könne.

Kinder und Jugendliche dürfen nicht einfach übergangen werden

Neben den medizinischen Argumenten gibt es auch soziale. So kritisierte etwa die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin (DAKJ) Ende April, dass Kinder und Jugendliche in den bisherigen Entscheidungsprozessen nicht als Personen mit ebenbürtigen Rechten, sondern als potenzielle Virusträger gesehen worden seien.

Vor und während der Schließungen von Kitas und Schulen seien die Folgen für die Kinder und Jugendlichen nicht thematisiert und die Betroffenen und ihre Fürsprecher nicht gehört worden, "womit die elementaren Rechte der Kinder missachtet wurden".

Häusliche Gewalt und Lernrückstände könnten steigen

Konkret ist gemeint: dass Kinder Kontakte mit anderen Kindern haben sollten, dass sie gemeinsam Sport treiben und lernen können sollten, aber auch, dass sie - wenn nötig - vor ihren Eltern geschützt werden müssen.

Dass Eltern im Homeoffice ihren Kindern und ihrer Arbeit gerecht werden sollen, kann viel Stress erzeugen. Stress, der unter Umständen an den Kindern oder am Partner abgebaut wird. "In den Kliniken werden Fälle von Kindeswohlgefährdungen beobachtet, bei denen ein kausaler Zusammenhang mit den veränderten Lebensbedingungen der Familien nicht ausgeschlossen werden kann", schreibt die DAKJ.

Konkrete Zahlen etwa zur Zunahme häuslicher Gewalt gegen Kinder und Jugendliche gibt es derzeit nicht. Es gebe aber ein Dunkelfeld, das wegen Corona noch dunkler geworden sei, sagte ein Referatsleiter beim Landesjugendamt Stuttgart kürzlich der "Welt". Er sagte aber auch, dass zu Familien, die vor Corona in der Krise waren, nach wie vor Kontakt bestehe - telefonisch, via Videochat, vereinzelt gibt es sogar Treffen.

Die Warnung der DAKJ geht aber auch dahingehend, dass man ja nicht wisse, wie lange dieser Zustand andauern wird. Die längere Trennung von Freunden und anderen Bindungspersonen außer den Eltern könne vor allem für kleinere Kinder gegebenenfalls traumatisch sein. Zudem sei ein weiteres Auseinanderdriften von guten Schülern und lernschwächeren Kindern zu befürchten, wenn die Schulen noch viel länger im Notbetrieb laufen.

Erzieher und Lehrkräfte kann man trotzdem schützen

Auch wenn man davon ausgeht, dass Kinder und Jugendliche bei einer Infektion glimpflich davonkommen, bleibt das Risiko für Erzieherinnen und Erzieher, für Lehrerinnen und Lehrer. Für sie müssten auf jeden Fall die Hygiene- und Abstandregeln sowie eine Pflicht zum Mund-Nasen-Schutz gelten, schreiben die Hygieniker, Kinder- und Jugendärzte. Zudem müssten sie regelmäßig getestet werden.

Auch Kindern könne man gewisse hygienische Grundregeln wie das Händewaschen spielerisch beibringen, Abstandsregeln und Mund-Nasen-Schutz halten die Fachleute indes nicht für erforderlich. Es müssen demnach nicht einmal besonders kleine Gruppen gebildet werden. Entscheidender sei, dass sich die Gruppen nicht durchmischten, damit die Kontakte im Fall einer Infektion gut nachvollziehbar wären.

Verwendete Quellen:

  • Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGJH), der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI), der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin (DAKJ), der Gesellschaft für Hygiene, Umweltmedizin und Präventivmedizin (GHUP) und des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte in Deutschland (bvkj e.V.) vom 19. Mai 2020 (PDF)
  • Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin (DAKJ): Stellungnahme vom 20.4.2020
  • Täglicher Lagebericht des RKI zur Coronavirus-Krankheit 2019 (COVID-19) vom 27. Mai 2020 (PDF)
  • Website der Bundesregierung: Kinderbetreuung, finanzielle Entlastung, Beratungsangebote: Informationen für Familien
  • Berlin.de: Schulen, Kitas und Berufsschulen
  • Welt.de: Baden-Württemberg: Corona: Bessere Konzepte für Kinderschutz gefordert

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