In der neuen Ausgabe des NDR-Podcasts "Coronavirus Update" ärgert sich Professor Christian Drosten über die Verbreitung von Fake News und Verschwörungstheorien zur Corona-Pandemie. Er erklärt, wie man wissenschaftlich fundierte Einschätzungen erkennen kann. Außerdem nimmt er Karl Lauterbach und das Robert-Koch-Institut in Schutz und spricht von einem Luxusproblem in Deutschland.

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Die Diskussionen um die Zahl R, Lockerungen der Maßnahmen in allen Bundesländern, ständig neue Erkenntnisse zu dem neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2 und Hygienedemos in mehreren deutschen Städten. Es gibt nach wie vor eine Menge zu diskutieren und zu erklären in der Coronakrise, der NDR-Podcast "Coronavirus Update" mit Professor Christian Drosten sendete am Dienstag bereits seine 40. Ausgabe.

Thematisiert wurden diesmal unter anderem Unwahrheiten rund um die Pandemie, die sich im Internet rasant verbreiten. Zuletzt hatte Drosten wie zahlreiche andere Wissenschaftler und Mediziner einen offenen Brief unterschrieben, der vor den Folgen bewusster und unbewusster Falschinformationen in sozialen Medien warnt. Vor einer weltweiten "Infodemie" wurde gesprochen, verursacht durch Fake News bei Facebook, Twitter und YouTube.

"Es lässt sich kaum noch zusammenfassen, was in den sozialen Medien kursiert", sagte Drosten nun im Podcast: "Häufig in Form von Videos, die zum Teil Millionen von Abrufen haben und voller Unsinn sind. Voller falscher Behauptungen, die überhaupt nicht fundiert sind. Von Personen, die sich dann auf ihre medizinische Ausbildung berufen. Das sind zum Teil Ärzte, Professoren sind auch dabei, die irgendeinen Quatsch in die Welt setzen und nie in ihrem Leben an diesen Themen gearbeitet haben. Denen man dann aber glaubt, anhand ihrer akademischen Qualifikationen."

Fachlich nicht fundierte Videos spielen Verschwörungstheoretikern in die Karten

Doch es gehe noch weiter, erklärte der Virologe, dem anzumerken war, dass ihm die Falschinformationen mächtig auf die Nerven gehen. "Da sind auch richtige Verschwörungstheoretiker dabei, die schon lange vor dem Aufkommen dieser Pandemie über andere Themen, die nicht im Infektionsbereich sind, Verschwörungstheorien verbreitet haben", sagte Drosten: "Da hat man zum Teil nachgewiesen, dass das alles Unsinn ist und diese Personen einfach nicht vertrauenswürdig sind. Und dennoch geht es immer weiter. Und dennoch kriege auch ich das Echo zurück. In Form von Anschuldigungen, Fragen oder Ideen, die Leute auf Basis von Verschwörungstheorien entwickeln."

Wenn etwa Mediziner, deren Fachgebiet nicht die Virologie sei, sich in YouTube-Videos meinungsstark äußern würden, kämen dabei oft nicht mehr als Allgemeinplätze heraus, sagte Drosten. Diese wiederrum könnten echten Verschwörungstheoretikern, die eine politische Agenda verfolgen, in die Karten spielen, führte Drosten weiter aus. "Das ist unverantwortlich", sagte der Leiter des Instituts für Virologe an der Berliner Charité.

Er selbst als Virologe würde etwa niemals seine Meinung und Einschätzung zu Bakterien abgeben, stellte Drosten klar. Selbst zu einem anderen Virus, das nicht aus seinem Arbeitsgebiet komme, würde er sich nicht äußern.

Drosten nimmt Lauterbach in Schutz

Doch wie erkennt man nun Fake News oder weniger seriöse Einschätzungen? Einen wichtigen Hinweis liefern natürlich die Qualifikationen der Person, die sie sich äußert. "Da muss man nochmal ganz genau hinschauen, wie er sich spezialisiert hat. Was hat er in der Vergangenheit zu diesem Thema veröffentlicht? Gibt es Hinweise, dass die Fachcommunity in Deutschland oder sogar international diese Person als Experten respektiert? Wenn das nicht der Fall ist, sollte man davon die Finger lassen", sagte Drosten.

Dunja Hayali wütend über Corona-Demonstranten

Am Wochenende haben viele Menschen gegen die Einschränkungen während der Coronakrise demonstriert. Die Journalistin Dunja Hayali hält von so einem Verhalten nicht viel und postet ihre Meinung auf Facebook.

"Dann sollte man nicht eine Viertelstunde oder eine halbe Stunde in ein YouTube-Video investieren, das voller irreführender Meinungen ist und nicht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basiert", erklärte der Viren-Experte weiter.

In Schutz nahm Drosten den SPD-Politiker Karl Lauterbach, der mit seinen Meinungen, Beiträgen und Talkshow-Auftritten in der Öffentlichkeit ähnlich polarisiert wie Drosten selbst. "Herr Lauterbach ist jemand, der sehr viel liest", sagte Drosten: "Was er in den sozialen Medien von sich gibt, ist der Stand der Dinge. Er kennt sich aus und ist von seiner Grundausbildung her Epidemiologe. Und dann ist auch erstmal egal, ob irgendjemand findet, dass er zu oft in Talkshows sitzt. Denn er geht in die Öffentlichkeit und informiert mit richtigen Inhalten."

Ein Luxusproblem in Deutschland

Ebenfalls teilweise in die öffentliche Kritik geraten war zuletzt das Robert-Koch-Institut. "Die Auflösungstiefe und die Informationstiefe, die das Robert-Koch-Institut jeden Tag, einschließlich Sonn- und Feiertagen liefert, ist so hoch, das finden sie in kaum einem anderen Land in Europa in dieser Qualität", sagte Drosten.

"Aber es ist ja egal. Man hackt trotzdem auf dem Robert-Koch-Institut rum. Denn letztlich haben wir ein Luxusproblem in Deutschland, die Intensivstationen sind leer und damit scheint es das ganze Problem ja gar nicht zu geben", ärgerte sich der Virologe.

Bleibt nur zu hoffen, dass uns dieses Luxusproblem erhalten bleibt. Und dass die Menschen in Deutschland dies zu schätzen wissen.

Professor Dr. Christian Drosten ist Leiter des Instituts für Virologie an der Berliner Charité und einer der führenden Virus-Forscher Deutschlands. Der 48-Jährige gilt als Mitentdecker des SARS-Virus. Unmittelbar nach dem Ausbruch SARS-Pandemie 2003 entwickelte er einen Test auf das neu entdeckte Virus, wofür er 2005 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde. In der aktuellen Corona-Krise ist der gebürtige Emsländer ein gefragter Gesprächspartner, täglich gibt er Auskunft zur aktuellen Lage.