Politiker allein zu Haus - Regieren in Zeiten von Corona

Ob Berlin, Rom oder Madrid: Überall gelten Ausgangsbeschränkungen, um die Verbreitung des Coronavirus einzudämmen. Auch viele Politiker sind infiziert oder warten auf Testergebnisse. Regieren in Zeiten von Homeoffice und sozialer Distanz: So unterschiedlich gehen die Mächtigen mit der Krise um.

In Italien war Attilio Fontana, Regionalpräsident der Lombardei, der erste Polit-Promi, der sich selbst in häusliche Isolation begab - und zwar schon im Februar. Er hatte eng mit einer Corona-Infizierten zusammengearbeitet. Ein erster Test bei dem Politiker der rechten Lega hatte für ihn zwar Entwarnung gegeben. Er wurde aber zum Vorbild, weil er mehrfach Interviews aus der Quarantäne mit Mundschutz gab. Später machten es andere Politiker und Experten ähnlich - ihre TV-Bilder aus dem Homeoffice wurden stilprägend in Italien.
Papst Franziskus zog sich im Laufe der Coronakrise immer weiter aus der Öffentlichkeit zurück. Anfang März ersetzte der Vatikan größere Auftritte des 83-Jährigen durch Videobotschaften. Er lebt zwar hinter den dicken Mauern des Vatikanstaates in der Residenz Santa Marta. Doch eine richtige Quarantäne ist das nicht. Der Pontifex empfängt weiter einzelne Besucher zu Audienzen. Auf Fotos sieht man ihn ohne Mundschutz, und es kursieren Berichte, dass er Gästen auch die Hand gebe.
In Spanien wurde Ministerpräsident Pedro Sánchez von Medien mehrfach kritisiert, weil er energisch zur sozialen Distanz aufruft, selber aber wenig Vorsicht walten lasse. Er sei öffentlich noch nie mit Schutzmaske aufgetreten und komme seinen Mitarbeitern im Regierungssitz gefährlich nahe, schrieben Zeitungen. Dabei ist seine Ehefrau María Begoña Gómez selber infiziert. Inwieweit der Sozialist dieser Tage Abstand zu seiner Gattin hält, ist nicht bekannt.
Der britische Premier Boris Johnson musste sich in häusliche Isolation zurückziehen, nachdem er positiv auf das Coronavirus getestet worden war. Auch von seiner schwangeren Verlobten Carrie Symonds muss er sich fernhalten. Er hält sich in seiner Dienstwohnung in der Downing Street auf. Wie britische Medien berichteten, werden ihm Mahlzeiten vor die Tür gestellt, auch Regierungsdokumente werden dort abgelegt. Per Videobotschaft kommuniziert er aber weiter mit dem Kabinett.
US-Präsident Donald Trump unterzeichnete dieser Tage im Oval Office des Weißen Hauses das inzwischen dritte Hilfspaket - umringt von 15 Kabinettsmitgliedern, Beratern, Kongressmitgliedern und Senatoren, die dicht an dicht um den US-Präsidenten herum standen. Die Richtlinien Trumps zur Eindämmung des Coronavirus sehen vor, Ansammlungen von mehr als zehn Menschen zu vermeiden. Der CNN-Journalist Jim Acosta spottete auf Twitter: "Soziale Distanz? Nicht bei der Unterzeichnung des Konjunkturgesetzes im Oval Office."
Der russische Präsident Wladimir Putin ist im Homeoffice in seiner Vorstadtresidenz - ohne allerdings von Quarantäne zu sprechen. Von dort aus macht er die Videoschalten - und regiert digital. Er hat ganz Russland in einwöchige Ferien geschickt. Aber viele kritisierten, dass er nicht zeitgleich Ausgangssperren und Kontaktverbote verhängte. Inzwischen haben die russische Hauptstadt Moskau und einige andere Regionen aber zumindest weitgehende Ausgangsbeschränkungen eingeführt.
Die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen, die besonders früh verschärft gegen die Pandemie vorging, macht sich und anderen aus der Isolation Mut: "Jeden Tag versuche ich, den Tag mit ein wenig frischer Luft für Körper und Geist zu beginnen", schrieb sie jüngst zu einem Selfie von sich vor einem See auf Facebook. "Ich weiß, wie viel diese Zeit von Euch verlangt. Danke für Euren großen Einsatz. Wir halten zusammen - jeder für sich", ergänzte sie.
Lettlands Regierungschef Krisjanis Karins befindet sich in Selbstisolation. In einem Interview gab er einen Einblick in seinen Tagesablauf. "Morgens war ich sehr glücklich, ich verbrachte fast 40 Minuten draußen im Garten. Wunderbares Wetter!", erzählte er dem lettischen Privatsender SWH. Trotz "Heimarbeit" zeigt sich Karins bei Online-Auftritten immer in Anzug und mit Krawatte. Auf die Frage, ob er nicht zumindest unten herum in Jogginghose vor dem Rechner sitze, antwortete er, da würde er sich unwohl fühlen.
Der rumänische Ministerpräsident Ludovic Orban war elf Tage lang bis zum 24. März in selbst gewählter Isolation. Nur Mitte des Monats verließ er sein Homeoffice, um mit der neuen Regierung den Amtseid zu leisten. Erstaunlicherweise gab es davon keine Bilder. Das Präsidialamt erklärte aber detailreich, alle dort anwesenden Minister, Orban und Staatspräsident Klaus Iohannis hätten Masken und Handschuhe getragen. Alle Objekte, die sie während des Amtseides berührten - darunter wohl auch die Bibel, auf die sie die Hand legen mussten - seien nach jedem Schwur desinfiziert worden. Dieses Bild stammt aus dem November 2019.