Die chemische Substanz Graphenoxid ist in den in Europa zugelassenen Covid-19-Impfstoffen nicht als Inhaltsstoff aufgeführt, und es gibt auch sonst keine Hinweise, dass es in zugelassenen Impfstoffen verwendet wird. In sozialen Netzwerken wird ein "internes Dokument" präsentiert, das angeblich das Gegenteil beweisen soll – doch darin steht nichts über Graphenoxid.

In einem Video behauptet ein Mann, ein internes Dokument von Pfizer zeige, dass die mRNA-Impfstoffe gegen Covid-19 Graphenoxid enthalten würden. Der Clip ist nicht neu, er stammt von August 2021: Er zeigt die Rede eines Mannes bei einer Versammlung in Barbados. In manchen Beiträgen heißt es zu dem Video: "Der ungeschwärzte Vertrag zwischen Pfizer und der EU ist aufgetaucht."

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Graphenoxid ist eine Substanz, die bei der Oxidation von Graphen (einem Material aus Kohlenstoff-Verbindungen) entsteht. Es gilt als sehr reißfest und leitfähig. In der Industrie wird Graphenoxid zum Beispiel im Bereich der Elektronik, der Energiegewinnung oder in der Messtechnik eingesetzt. Auch an Graphenoxid als Bestandteil von Impfstoffen wird geforscht, diese Forschung ist jedoch noch in der Anfangsphase.

Immer wieder kursieren irreführende Behauptungen, dass Graphenoxid in den aktuell verwendeten mRNA-Impfstoffen enthalten sei. Dafür gibt es keine Belege, wie CORRECTIV.Faktencheck schon 2021 berichtete. Die Inhaltsstoffe der zugelassenen Covid-19-Impfstoffe sind öffentlich zugänglich; Graphenoxid ist dort nicht aufgeführt. Das "Dokument", das in den Beiträgen zu dem Video eingeblendet wird, ist ebenfalls öffentlich verfügbar und kein Beleg für die Behauptung. Es geht darin nicht um die chemische Substanz Graphenoxid, sondern um den mRNA-Code des Biontech/Pfizer-Impfstoffs.

Graphenoxid im mRNA-Impfstoff von Biontech/Pfizer
In einem Video bezieht sich ein Mann auf Dokumente von Pfizer und stellt die Falschbehauptung auf, es belege, dass Graphenoxid im mRNA-Impfstoff von Biontech/Pfizer enthalten sei.

Video zeigt eine Bürgersprechstunde im August 2021 in einem Rathaus in Barbados

Laut einigen Beiträgen von August 2021 stammt das Video aus Barbados. Mit diesem Hinweis finden wir auf YouTube ein Video einer Bürgerversammlung vom 18. August 2021. Der offizielle YouTube-Kanal des Premierministers von Barbados übertrug sie damals live. Bei der Bürgerversammlung im Rathaus ging es demnach darum, sich über die Covid-19-Impfstoffe auszutauschen.

Der Mann im Video sagt (ab Stunde 1:46), sein Name sei Fred Corbin, er sei Rennwagen-Ingenieur und habe einen "Hintergrund in der Erforschung biologischer Waffen". Statt eine Frage zu stellen, hält er rund zehn Minuten lang einen Vortrag, in dem er behauptet, dass mRNA-Impfstoffe gegen Covid-19 eine "Biowaffe" seien. Im Netz kursiert von seinem Vortrag nur ein kurzer Auszug. Einige Beiträge, die den Ausschnitt von Corbins Rede verbreiten, verlinken auf einen Vorvertrag zwischen den Pharmakonzernen Biontech/Pfizer und der Europäischen Kommission von November 2020, der bei der Transparenzinitiative Frag-den-Staat abrufbar ist. Darin steht aber nichts über Graphenoxid. Was der Vertrag mit dem Video von Corbin zu tun haben soll, ist unklar.

Fakt ist: Die Inhaltsstoffe der in Europa zugelassenen Covid-19-Imfpstoffe sind auf der Webseite der Europäischen Arzneimittelagentur veröffentlicht. Graphenoxid ist weder für den mRNA-Impfstoff von Biontech/Pfizer noch für die anderen zugelassenen Impfstoffe (Valneva, Nuvaxovid, Vaxzevria, Jcovden, Vidprevtyn Beta, Spikevax) aufgeführt. Eine Biontech-Sprecherin in Deutschland teilte auf Nachfrage mit, in den zugelassenen mRNA-Covid-19-Impfstoffen seien "nach wie vor keine Graphenoxide oder sonstigen gesundheitsgefährdenden Inhaltsstoffe" enthalten.

"Internes Dokument": Graphenoxid ist im öffentlich einsehbaren mRNA-Code nicht enthalten

In seiner Rede nennt Corbin ein "internes Dokument von Pfizer" namens "Reverse Engineering the source code of the BioNTech/Pfizer SARS-CoV-2 Vaccine" (ab etwa Stunde 1:53). Er hält dazu ein Papier hoch, dessen Inhalt im Video nicht zu erkennen ist. Dazu sagt er, bei den Impfstoffen seien "chemische und biologische Prozesse" so manipuliert worden, dass eine mRNA produziert werde, die Graphenoxid enthalte. In den Videos in sozialen Netzwerken wird an dieser Stelle ein Bild von einem Teil des mRNA-Codes des Biontech/Pfizer-Impfstoffs eingeblendet.

Quelle: WHO / Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck
Ein Teil der Sequenz für den mRNA-Code des Covid-19-Impfstoffes von Biontech/Pfizer – er wird in dem Video eingeblendet. Die Buchstaben im Code zeigen die einzelnen Bestandteile der Aminosäuren: Adenin, Cytosin, Guanin und Psi ψ.

Eine Suche nach "Reverse Engineering the source code of the BioNTech/Pfizer SARS-CoV-2 Vaccine" führt zu einem Blog-Text, in dem dieser Code zu sehen ist. Er stammt demnach ursprünglich von der zugangsbeschränkten Wissenschaftsplattform "mednet" der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Er ist öffentlich einsehbar, beispielsweise im Geschäftsbericht 2020 des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenkassen GKV (PDF, Seite 119).

Pressesprecherin Susanne Stöcker vom Paul-Ehrlich-Institut (PEI), das für die Zulassung von Impfstoffen in Deutschland zuständig ist, erklärte uns dazu: "Durchaus kreativ (aber inhaltlich völlig unhaltbar) ist der Ansatz, die Sequenz für den mRNA-Code [...] würde belegen, dass Graphenoxid enthalten sei. Graphenoxid ist eine chemische Substanz mit der Summenformel: C140 H42 O20." Die mRNA codiere jedoch ausschließlich für Aminosäuren. In der mRNA kämen vier Nukleinbasen vor: Adenin, Cytosin, Guanin und Uracil. Diese bilden Aminosäuren, die wiederum Bausteine für Proteine sind (beim Impfstoff Comirnaty von Biontech/Pfizer für das Spike-Protein).

Die Buchstaben im Code zeigen die einzelnen Bestandteile der Aminosäuren: Adenin, Cytosin, Guanin. Hinzu kommen viele "Dreizacke" – das griechische Psi ψ. Es steht für Pseudouridin. "Damit wird gewährleistet, dass die mRNA nicht sofort von unserem Immunsystem als fremd erkannt und abgebaut wird. Die modifizierte mRNA (mit dem Pseudoiridin) kann diesem Mechanismus für eine gewisse Zeit entgehen", so die Sprecherin des PEI. Ein Hinweis auf Graphenoxid ist der Code somit nicht.

Graphenoxid ist kein Inhaltsstoff der zugelassenen Covid-19-Impfstoffe in Europa

Stöcker teilte uns bereits 2021 für einen Faktencheck mit, was unverändert gilt: "Graphen/Graphenoxid wird weder in der Herstellung von Covid-19-Impfstoffen noch in der Herstellung anderer in der EU beziehungsweise in Deutschland zugelassener Impfstoffe als Hilfsstoff eingesetzt." Dem PEI seien auch keine wissenschaftlich belegten oder haltbaren Informationen bekannt, die auf das Vorkommen dieser Substanz in Impfstoffen hinweisen würden.

Auch eine Pressesprecherin der europäischen Arzneimittelbehörde EMA schrieb uns damals: "Die EMA hat weder bei ihren Bewertungen noch bei laufenden Tests glaubwürdige Hinweise darauf gefunden, dass ein Covid-19-Impfstoff Graphenoxid enthält." Graphenoxid sei generell kein anerkannter Hilfsstoff in Arzneimitteln. Die Qualität der zugelassenen Impfstoffe sei "in zufriedenstellender Weise" festgestellt worden und "wird gemäß den EU-Rechtsvorschriften kontinuierlich und sorgfältig überwacht". Diese Aussage bestätigte die EMA uns gegenüber erneut am 19. Januar.


Allgemein wird Graphenoxid bei der Herstellung von Impfstoffen in Deutschland nicht eingesetzt. Dies antwortete die Parlamentarische Staatssekretärin Sabine Weiss bereits am 5. August 2021 auf eine schriftliche Anfrage eines AfD-Politikers.

Einige Forscher untersuchen Graphenoxid als potenziellen Trägerstoff in Impfstoffen

An Graphenoxid wird im Zusammenhang mit Impfungen geforscht, zum Beispiel als potenzieller Trägerstoff oder im Zusammenhang mit der Krebsforschung. Wir fanden jedoch nichts, was mit den zugelassenen Corona-Impfstoffen zu tun hätte (Stand: 17. Januar 2023). Bereits 2021 erklärte Hong Byung-hee, ein Experte für Nanotechnologie an der National University in Seoul, gegenüber der AFP, diese Forschungen seien noch in der "experimentellen Phase".

Experten der Organisation Health Desk erklärten in einem Artikel Anfang August 2021: "Während bestimmte Mengen an Graphenoxid für Menschen toxisch sein könnten, deuten aktuelle Untersuchungen [...] darauf hin, dass die Menge, die in potenziellen Impfstoffen enthalten wäre, so gering wäre, dass sie für menschliche Zellen nicht toxisch wäre."

Fazit: Das angeblich "interne Dokument" belegt nicht, dass Graphenoxid in dem Covid-19-Impfstoff von Pfizer/Biontech enthalten ist. Es gibt auch sonst keinerlei Hinweise darauf, dass die Substanz in den aktuell zugelassenen Impfstoffen enthalten ist. Sowohl die Hersteller selbst, als auch zuständige Behörden, die für die Überprüfung und Zulassung der Impfstoffe zuständig sind, widersprechen.

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