Auf dem Schulhof streng getrennt, aber im Schulbus dicht gedrängt: Eltern kritisieren, dass der Weg zur Schule den Corona-Schutz ad absurdum führe.

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Was vor der Pandemie nur ein Missstand war, wird jetzt zu einem Problem: "Die enge Ölsardinenfahrt in den Schulbussen passt nicht zu den strikt getrennten Schülergruppen auf den Schulhöfen", sagt Claudia Pick, Vorsitzende des Landeselternbeirats der Gymnasien in Schleswig-Holstein.

Seit drei Wochen haben die Schulen im hohen Norden wieder regulär geöffnet - oder wie man einen Schulalltag, in dem sich Kinder verschiedener Klassenstufen nicht treffen sollen, auf dem Schulhof und in den Fluren Maske getragen werden muss und nicht alle Fächer wie gewohnt stattfinden können, eben nennen kann.

Auf dem Schulhof und in den Klassenzimmern wurde viel umgeplant und reguliert, doch der Schulweg wurde in vielen Bundesländern nicht groß bedacht.

Bei der Beförderung der Kinder wird knapp kalkuliert

Joachim Schack vom Omnibus Verband Nord wundert das: "Ich habe schon im April auf das Problem hingewiesen", sagt der Geschäftsführer der Interessenvertretung für Hamburg und Schleswig-Holstein. Bei der Beförderung werde schon immer knapp kalkuliert, erklärt er. Doch nun wachse das Unverständnis darüber, dass sich die Schülerinnen und Schüler wie gewohnt in die Schulbusse quetschen sollen.

Schack ist deshalb in die Offensive gegangen: Er hat medienwirksam verkündet, dass die Unternehmen in seinem Verband kurzfristig mindestens hundert Busse freihätten, die im Flächenland zusätzlich zu den regulären Schulbussen eingesetzt werden könnten.

Schack macht keinen Hehl daraus, dass das Angebot natürlich auch Eigeninteressen dient: Die Branche leidet unter der Pandemie, viele Reisebusse bleiben nach wie vor in den Depots. Ein neuer Einsatz als Schulbusfahrer käme vielen gelegen. Doch wer zahlt für das zusätzliche Angebot?

"Es ist keine Lösung in Sicht"

In Deutschland sind als sogenannte Schulträger in der Regel die Landkreise, Städte oder Kommunen für die Schulbusse zuständig. Ob das Angebot der Omnibusunternehmen interessant sei, müssten die Schulträger mit den Schulen vor Ort entscheiden, heißt es so auch aus dem Schleswig-Holsteinischen Bildungsministerium. Das entziehe sich damit seiner Verantwortung, kritisiert Schack.

"Das ist in unserer Elternschaft ein riesiges Thema und es ist keine Lösung in Sicht", ärgert sich auch Thorsten Muschinski, der im Bundesland dem Landeselternbeirat der Gemeinschaftsschulen vorsitzt. "Dass unsere Kinder täglich in diese vollen Busse gestopft werden, führt die Corona-Regeln ad absurdum."

In anderen Bundesländern schlagen Elternvertreter ebenfalls Alarm, berichtet unter anderem die Nachrichtenagentur dpa. Der rheinland-pfälzische Landeselternsprecher Reiner Schladweiler sagte demnach, er bekomme täglich zwölf bis 15 Beschwerden wegen der Busse. Auch der hessische Landeselternbeirat bezeichnete den Zustand als katastrophal.

Schulen müssen in der Coronakrise ohnehin schon viel investieren

Schleswig-Holsteins Elternvertreterin Pick hofft, dass die Schulträger mehr Busse einsetzen - sieht aber auch das Kostenproblem. Schließlich müssten die Schulträger gerade ohnehin viel investieren, um die Hygieneauflagen umzusetzen.

Auf der anderen Seite steht das Risiko, dass Eltern aus Angst vor vollen Bussen Fahrgemeinschaften bildeten – und sich die Kinder klassenübergreifend in einem Auto wiederfinden. Auch das würde die strikte Trennung in den Schulen konterkarieren.

In manchen Regionen nimmt die Zahl der Elterntaxis bereits zu, berichtet der WDR etwa über Dortmund. Dabei hatte das Land NRW schon vorgesorgt: Das Verkehrsministerium übernimmt zunächst befristet bis zu den Herbstferien die Kosten für zusätzliche Schulbusse. Tausend Busse stehen laut Omnibusverband dafür zur Verfügung, teilte das Ministerium mit.

Das Angebot wurde aber zunächst kaum genutzt, offenbar weil es kaum bekannt war. Geschäftsführer Christian Gladasch vom Verband Nordrhein-Westfälischer Omnibusunternehmen hatte der "Rheinischen Post" vor gut einer Woche gesagt, dass 80 Prozent des Kontingents noch nicht abgerufen worden seien. Nach dem Pressebericht sei aber Bewegung in die Sache gekommen, sagte Gladasch dem SPIEGEL. Immer mehr Kommunen meldeten sich bei dem Verband mit der Frage, wie sie einen zusätzlichen Bus bestellen könnten.

Anke Staar, Vorständin der Landeselternkonferenz NRW, hat noch nicht den Eindruck, dass sich viel verändert. Die Busse seien noch immer zu voll. "Wir haben gefordert, dass der Unterricht gestaffelt beginnt", sagt Staar. Dadurch könnte auch der Busverkehr entzerrt werden. Doch bisher blieben ihre Forderungen ohne Erfolg.

Busse fahren nicht regelmäßig genug

Allerdings ergeben gestaffelte Anfangszeiten nur Sinn, wenn ohnehin regelmäßig Busse fahren, berichtet Claudia Pick aus Schleswig-Holstein aus eigener Erfahrung. Bei ihr im Kieler Umland fahre der Schulbus um 6:45 Uhr ab - ungeachtet der Tatsache, dass ihre Kinder nun erst zur zweiten und dritten Stunde Unterricht haben.

"Jetzt warten Schüler unterschiedlicher Klassen teilweise in größeren Gruppen vor dem Tor auf den Unterrichtsbeginn", sagt sie. "Viele Probleme offenbaren sich eben erst im Praxistest."

Auch im Saarland reagierten die Verantwortlichen erst, als die Missstände schon da waren: Sie habe großes Verständnis dafür, dass "ein mulmiges Gefühl" entstehe, wenn man das dichte Gedränge der Schüler in den Bussen sehe, das seit dem Schulstart vor einer Woche herrsche, sagte die saarländische Verkehrsministerin Anke Rehlinger am Dienstag - und kündigte an, dass das Land die Kosten für etwa hundert zusätzliche Busse für die Schülerbeförderung übernehme.

Bremen und Niedersachsen haben sich zumindest vor dem gerade erst gestarteten Schuljahr Gedanken über die Beförderung gemacht, geht aus den Antworten auf SPIEGEL-Anfragen hervor.

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