• Mit seiner Aussage, sich vorerst nicht gegen Corona impfen lassen zu wollen, hat der Fußballprofi Joshua Kimmich eine Diskussion angestoßen.
  • Ist diese Entscheidung bei Prominenten ausschließlich Privatsache oder haben sie eine Vorbildfunktion?
  • Wir haben einen Medizinethiker dazu befragt.
Eine Analyse

Joshua Kimmich ist noch nicht gegen das Coronavirus geimpft. Als Grund für sein Zögern nannte der Profi des FC Bayern München die Sorge vor möglichen, noch nicht bekannten Langzeitfolgen. Solche Langzeitfolgen, bei denen jemand lange Zeit nach der Impfung bis dahin unbekannte Nebenwirkungen erfährt, gibt es aus aktueller wissenschaftlicher Sicht aber nicht. Der Begriff wird dabei auch oftmals falsch verstanden.

"'Langzeit' bedeutet nicht, dass häufige Nebenwirkungen noch Monate oder gar Jahre nach der Impfung auftreten", erklärt die Deutsche Gesellschaft für Immunologie dazu. Langzeitfolgen seien stattdessen seltene Nebenwirkungen, die oft aber bereits innerhalb weniger Wochen nach der Impfung auftreten. Unter "Langzeit" werde der Zeitraum verstanden, der notwendig ist, um genügend Personen zu impfen, um eine solche seltene Nebenwirkung sicher dem Impfstoff zuordnen zu können. Dieser Zeitraum ist im Falle der in Deutschland zugelassenen Vakzine gegen SARS-CoV-2 verstrichen.

Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) dokumentiert Impfreaktionen und Nebenwirkungen in seinen Risikoberichten. Zudem kann jeder Geimpfte über die App Save Vac 2.0 dem PEI eine Rückmeldung geben und so weitere Daten über die Verträglichkeit der Corona-Impfstoffe liefern. Die Daten zeigen: Die Impfung gegen SARS-CoV-2 wird allgemein gut vertragen. Das ist nach der Häufigkeit ihrer Anwendung und auch der Zeit, über die sie bislang verabreicht werden, wissenschaftlich belegt. Gesichert ist auch, dass der Nutzen der Impfung für fast alle Altersgruppen größer ist als die Gefahr von Impfnebenwirkungen oder einem schweren bis tödlichen COVID-19-Verlauf.

Medizinethiker: Prominente sollten Impfstatus möglichst nicht öffentlich preisgeben

Trotzdem gibt es Prominente wie Kimmich, die öffentlich bekennen, sich (noch) nicht impfen lassen zu wollen. Auch der Tennisspieler Novak Djokovic ist bislang nicht geimpft und könnte deshalb die Australian Open im Januar verpassen. Wie ist das aus ethischer Sicht zu bewerten?

"Grundsätzlich sollte jeder selbst darüber entscheiden, ob er sich impfen lassen möchte", so der Medizinethiker Georg Marckmann im Gespräch mit unserer Redaktion. Schließlich handele es sich bei Impfungen um medizinische Maßnahmen, die vor der Anwendung immer eine informierte Entscheidung des Betroffenen voraussetzen.

Dies gelte auch für Prominente. "Allerdings stehen sie stärker in der Öffentlichkeit, sodass ihr Verhalten zum Vorbild genommen wird. Damit ist nicht auszuschließen, dass das Impfverhalten der Bevölkerung durch den Impfverzicht von Prominenten negativ beeinflusst wird", so der Wissenschaftler weiter.

Über ihre Vorbildfunktion trügen sie eine besondere Verantwortung, die sie bei ihren eigenen Entscheidungen immer mitberücksichtigen sollten. "Um die freie Entscheidung über die Impfung zu bewahren, sollten Prominente deshalb ihren Impfstatus nach Möglichkeit nicht preisgeben und auch die Presse sollte auf entsprechende Nachfragen verzichten", findet Marckmann.

Umgekehrt sieht er die Werbung von Prominenten für die Impfung daher ebenfalls als problematisch an: "Die Menschen sollten sich nicht impfen lassen, weil bestimmte Personen des öffentlichen Lebens sich geimpft haben, sondern weil sie vom Nutzen der Impfung überzeugt sind."

Können engmaschige Tests im Profisport ausreichen?

Profi-Sportler wie Kimmich und Djokovic werden regelmäßig und engmaschig auf Corona getestet. Aber reicht das aus, um auf die Impfung verzichten zu können?

"Sofern Sportler in Disziplinen aktiv sind, bei denen sie mit anderen engen Kontakt haben, sollten sie sich – wie andere Berufsgruppen auch - gegen COVID-19 impfen lassen", sagt Marckmann. Eine regelmäßige Testung könne die Übertragung der Infektion zwar weitgehend unterbinden, nicht aber die Infektion der Sportler selbst. Zudem könnten sie sich auch im privaten Umfeld anstecken: "Insofern wäre aus meiner Sicht die Testung eigentlich keine gleichwertige Alternative."

Außerdem setzen sich die Sportler so noch immer der Gefahr einer schweren COVID-19-Erkrankung oder Long COVID aus. Es gibt Sportler wie die Triathletin Katharina Blach, den Ringer-Weltmeister Frank Stäbler oder Para-Tischtennisspielerin Juliane Wolf, die noch über Monate an Long COVID leiden und deren Karriere möglicherweise auf der Kippe steht.

"Freiheit des Einzelnen findet Grenzen, wo andere geschädigt werden"

Eine andere Frage ist, ob der Impfverzicht sogar über der Sportlerkarriere stehen kann und ob das Risiko einer Erkrankung an COVID-19 überhaupt in der eigenen Abwägung von Profisportlern liegen sollte. Spätestens wenn Vereine oder Veranstalter, wie die Australian Open beispielsweise, die Impfung zur Voraussetzung für die Teilnahme am Training oder einem Wettkampf machen, stellt sich diese Frage.

Die Sportler müssen dann entscheiden, ob ihnen der Verzicht auf die Impfung oder die Teilnahme am Sport wichtiger ist. "Angesichts des guten Nutzen-Risiko-Profils der Impfung finde ich es durchaus vertretbar, wenn der Besuch von Sportwettkämpfen oder der Teilnahme am Vereinstraining von einer Impfung abhängig gemacht wird", so Marckmann.

"Schließlich gefährden die Nicht-Geimpften eben nicht nur sich selbst, sondern auch andere, wenn ein entsprechender Abstand und Schutz durch eine medizinische Maske nicht möglich sind. Die Freiheit des Einzelnen findet dort seine Grenzen, wo andere geschädigt werden."

Über den Experten: Prof. Dr. Georg Marckmann ist Vorstand des Instituts für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

Verwendete Quellen:

  • das-immunsystem.de: Deutsche Gesellschaft für Immunologie
  • Paul-Ehrlich-Institut: Coronavirus und COVID-19

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Fußball-Bundesligisten planen keine Impfpflicht

In der von Joshua Kimmichs Zweifeln ausgelösten Debatte lehnen mehrere Bundesligisten eine Impfpflicht für ihre Profis ab. "Es ist nicht unsere Aufgabe, eine Impfpflicht durchzusetzen. Wenn, dann muss das regulatorisch sein", sagte Alexander Wehrle, Geschäftsführer des 1. FC Köln, der "Bild". Dem schließen sich anderen Klubs an. Vorschaubild: picture alliance