Eine COVID-19-Infektion befällt fast den gesamten Körper - und die Psyche. Forscher haben beobachtet, dass einige Patienten unter Halluzinationen und Wahrnehmungsstörungen litten.

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Seit Anfang des Jahres lernen wir immer neue Einzelheiten über COVID-19. Zunächst hieß es, das Virus löse einen Atemwegsinfekt aus, die Lunge könne sich entzünden. Dann wurde klar: COVID-19 befällt nicht nur die Lunge, sondern auch das Herz, die Nieren, den Magen-Darm-Trakt und das Gehirn. Je genauer man das Virus kennt, desto klarer wird, wie umfänglich die Erkrankung das gesamte System befällt.

Coronavirus löst auch psychiatrische Symptome aus

Wissenschaftler haben nun beobachtet, dass COVID-19 neben neurologischen offenbar auch ein breites Spektrum an psychiatrischen Symptomen auslösen kann. Es war bereits bekannt, dass viele Patientinnen und Patienten über Geruchs- und Geschmacksstörungen klagen. Auch von Schlaganfällen, epileptischen Anfällen, Lähmungen, Kopfschmerzen und sogar Hirnentzündungen wurde berichtet.

Mehrere Studien legen nun nahe, dass COVID-19 auch Psychosen auslösen kann. Eine Umfrage unter britischen Ärztinnen und Ärzten, deren Ergebnis im Fachblatt "Lancet Psychiatry" veröffentlicht wurde, hat ergeben, dass rund 31 Prozent der gemeldeten 125 Patienten mit COVID-19 psychiatrische Auffälligkeiten gezeigt hätten. Zehn Patienten litten unter einer neu einsetzenden Psychose, sechs unter demenzähnlichen Störungen - und bei vier Patienten wurde eine affektive Störung festgestellt, also manische oder depressive Episoden.

Auch Wissenschaftler des National Hospital for Neurology and Neurosurgery in London hatten ähnliche neuropsychiatrische Symptome feststellen können: In ihrer Studie beschreiben sie Verwirrtheit und Desorientierung bei einigen Covid-19-Patientinnen und -Patienten. Zudem haben sie das Guillain-Barré-Syndrom erkannt, bei dem es zu Lähmungserscheinungen kommen kann. Sie beobachteten ebenfalls eine Psychose: Eine 55-jährige Frau wollte Löwen und Affen in ihrem Haus beobachtet haben.

Primäre vs. sekundäre Psychosen

Der Begriff Psychose steht für eine Reihe von Symptomen, bei denen Betroffene die Realität verändert wahrnehmen. Häufig haben sie Halluzinationen oder Wahnvorstellungen, aber auch Denkstörungen, starke Ängste oder Ich-Störungen. In der erstgenannten britischen Studie wird nicht näher spezifiziert, um welche Art der Wahrnehmungsstörung es sich bei den Patienten handelte.

"Man unterscheidet zwischen primären Psychosen, bei denen die Ursache unklar ist, und sekundären, also organischen Psychosen", sagt Götz Thomalla, leitender Oberarzt der Neurologie am Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) in Hamburg. "Organische Psychosen können etwa durch Hirnverletzungen oder -entzündungen auftreten." Es seien bereits Fälle bekannt, in denen COVID-19 mit einer Hirnentzündung einhergegangen sei. Es könne also sein, dass durch diese die Psychosen ausgelöst worden seien.

"Die Frage ist, inwiefern das Virus direkt das Gehirn angreift", sagt Thomalla. "Möglicherweise wurden die Entzündungen auch indirekt durch die überschießende Immunreaktion des Körpers auf das Virus hervorgerufen." Es sei nicht unüblich bei schweren Infektionskrankheiten, dass das Gehirn in Mitleidenschaft gezogen werde. "Die Studien erfassen lediglich, dass psychiatrische Symptome auftreten - nicht, wodurch sie konkret hervorgerufen werden", erklärt Thomalla. "Spannend ist jetzt die Frage, ob die Patienten Dauerschäden behalten oder ob es sich um organische Psychosen handelt, die wieder vollständig ausheilen."

Bei leichtem Krankheitsverlauf teils schwere Folgeschäden möglich

In den vergangenen Wochen waren gehäuft Fälle von milden Covid-19-Verläufen mit teils schweren Folgeschäden bekannt geworden: Einige Patientinnen und Patienten berichteten von Rückfällen, die sich in schweren Symptomen äußerten. Bisher wissen Ärzte und Wissenschaftler noch nicht, wodurch diese ausgelöst werden. Eine dauerhafte Schädigung des Nervensystems oder des Gehirns könnte Thomalla zufolge eine Erklärung für einige der Symptome sein, die sich im Alltag bemerkbar machten. "In einem nächsten Schritt müssen wir das nun untersuchen", sagt er.

Mediziner der Kuno-Kinderklinik St. Hedwig in Regensburg sehen das ähnlich und haben 100 Ärztinnen und Ärzte sowie Pflegekräfte untersucht, von denen 28 positiv auf SARS-CoV-2 getestet wurden. Die Forscher fanden heraus, dass bei den Infizierten, die alle einen milden oder moderaten COVID-19-Verlauf hatten, die sogenannte leichte Kette von Neurofilament (NfL) erhöht war, einem strukturgebenden Protein in den Nervenzellen. Das werteten sie als Zeichen dafür, dass SARS-CoV-2 auch bei leichten Verläufen Schäden im Nervensystem hinterlassen kann - möglicherweise auch dauerhaft. "Deshalb ist es so wichtig, genau zu beobachten, welche neurologischen Langzeitfolgen nach einer COVID-19-Infektion bestehen bleiben können", so zitiert das "Ärzteblatt" Studienleiter Sven Wellmann.

Psyche wird durch Pandemien in Mitleidenschaft gezogen

Die Vorsitzende des Berufsverbands Deutscher Nervenärzte, Sabine Köhler, geht davon aus, dass die Psyche durch das Coronavirus langfristig in Mitleidenschaft gezogen werden wird. Allerdings nicht unbedingt durch organische Schäden: "Wir beobachten schon jetzt einen Anstieg an Patienten mit psychischen Erkrankungen in der Praxis", sagt sie. "Die Coronakrise greift die Menschen auf vielen Lebensebenen an: Viele verlieren ihre Jobs, kommen mit der neuen sozialen Situation nicht klar, haben existenzielle Ängste." Sie befürchte, dass die außergewöhnliche mentale Belastung zu einer Welle von posttraumatischen Belastungsstörungen führen könnte.

Studien über vergangene Pandemien belegten, dass die psychischen Auswirkungen erst nach Abklingen des Ausbruchs aufträten. Es sei bekannt, dass es auch nach früheren Pandemien zu psychischen Folgeerkrankungen gekommen sei. "Gerade unter Medizinern oder dem Pflegepersonal, also Menschen, die viel mit Infizierten zu tun haben", sagt Köhler. "Aber auch Betroffene und ihre Angehörigen können psychische Folgeerkrankungen davontragen."  © DER SPIEGEL

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