Politiker haben Anfang September über den Umgang mit der Coronavirus-Pandemie debattiert. Im Bundestag hörten sie sich an, wie Experten die Lage einschätzen. Dabei sprach der Virologe Christian Drosten auch über Alltagsmasken. Was er sagte, wird in einigen Facebook-Beiträgen irreführend interpretiert.

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Eine Kolumne
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Am 9. September stand im Gesundheitsausschuss des Bundestags ein umstrittenes Thema auf der Tagesordnung: Sollten die gesetzlichen Grundlagen für die Corona-Bestimmungen gelockert werden? Die FDP hatte beispielsweise einen Antrag gestellt, die "epidemische Lage von nationaler Tragweite" zu beenden, die eine zentrale Steuerung auf Bundesebene ermöglicht. Im Rahmen der Debatte wurden mehrere Experten wie Mediziner und Juristen angehört.

Darunter war auch der Virologe Christian Drosten, der sich wie die meisten der befragten medizinischen Experten gegen die Aufhebung der Regelung aussprach. In diesem Kontext sprach Drosten unter anderem über das Tragen von Masken.

In mehreren Beiträgen auf Facebook wird eine Aussage von Drosten vor diesem Ausschuss zitiert. Es wird behauptet, er habe gesagt, dass es "keine wissenschaftlichen Belege für die Wirksamkeit bei Alltagsmasken" gebe. In einem Video behauptete unter anderem der Arzt Bodo Schiffmann, dass Drosten nicht wisse, ob Masken schützen. Die Beiträge wurden insgesamt mehr als 6.000 Mal auf Facebook geteilt.

CORRECTIV hat sich für einen Faktencheck die Videoaufnahme von Drosten angesehen, die in einigen der Facebook-Beiträge verwendet wird: Das Zitat wurde irreführend interpretiert. Der Virologe hat nicht gesagt, dass es keine wissenschaftlichen Belege für die Wirksamkeit bei Alltagsmasken gibt.

Drosten sprach von der Hypothese, dass Masken zu einem milderen Krankheitsverlauf beitragen

Im Original-Video des Bundestags ist zu sehen, dass Drosten gefragt wird, wie er die aktuelle Lage einschätzt. Er spricht dabei mehrere Punkte an. In den Facebook-Beiträgen wird nur der zweite Teil von Drostens Antwort zitiert (ab Minute 8:09): "Es gibt einen anderen Punkt, den man nicht von der Hand weisen darf. Das ist, wir wissen nicht, ob nicht die Verwendung von Alltagsmasken in großer Verbreitungsweite, ob das nicht dazu führt, dass im Durchschnitt die erhaltene Virusdosis in einer Infektion geringer ist und, dass im Durchschnitt deshalb der Krankheitsverlauf auch nicht wirklich schädlich sein könnte. Aber das ist reine Spekulation. Dazu gibt es keine wissenschaftlichen Belege. Und es gibt umgekehrt eben Länder, in denen man sagen kann, es wurde von Anfang an wirklich Maske getragen – dazu gehören sehr viele asiatische Länder – und trotzdem ist es zu großen Ausbrüchen gekommen. So kann ich es zusammenfassen. Und meine Einschätzung ist auf dieser Basis überhaupt nicht, dass sich die Grundsituation verändert hat."

Der Begriff "Spekulation" und der Hinweis auf "keine wissenschaftlichen Belege" beziehen sich in Drostens Aussage nicht darauf, ob Alltagsmasken einen Schutz vor dem Coronavirus bieten, also Infektionen verhindern können. Er sagte lediglich, es gebe keine Belege dafür, dass das Tragen einer Maske zu einem milderen Krankheitsverlauf bei einer Infektion führen könnte.

Zum Hintergrund: Drosten bezieht sich auf eine wissenschaftliche Theorie, die kürzlich aufkam. Sie besagt, dass Alltagsmasken dazu beitragen könnten, dass die Krankheit COVID-19 milder verläuft – weil sich die Menge der Viren, die jemand aufnimmt, durch die Maske verringere. In einem Artikel im New England Journal of Medicine hieß es im September, Daten würden diese Annahme stützen, es handele sich aber um eine Hypothese. Drosten wies also korrekterweise darauf hin, dass es bisher keine wissenschaftlichen Belege dafür gibt.

Coronavirus: Masken bieten vor allem Fremdschutz – Schutz des Trägers ist laut RKI bisher nicht belegt

Zum allgemeinen Nutzen von Alltagsmasken hat der Virologe bereits mehrfach öffentlich erklärt, dass sie kein Allheilmittel sind, aber durchaus Wirkung zeigen können. In einem NDR-Podcast vom 1. September sagte er zum Beispiel, dass Masken Tröpfchen auffangen können, ihre Schwäche aber darin liege, die ebenfalls für die Übertragung des Coronavirus verantwortlichen Aerosole nicht zu unterbinden (PDF, Seite 2). Aus diesem Grund seien Alltagsmasken in geschlossenen Räumen, in denen sich Menschen permanent aufhalten, nicht so wirksam. Doch an Orten wie Supermärkten, wo Menschen kurzzeitig auf Infizierte treffen könnten, seien sie hilfreich.

CORRECTIV hat bereits in mehreren Faktenchecks recherchiert, wie der Forschungsstand zur Wirksamkeit von Masken ist. Das Robert-Koch-Institut (RKI) empfiehlt Masken (Mund-Nasen-Bedeckung, MNB) in bestimmten Situationen im öffentlichen Raum mit der Begründung, dass sie die Übertragung infektiöser Tröpfchen mindern können. Eine MNB diene vor allem dem Fremdschutz; er schütze primär andere Personen vor feinen Tröpfchen und Partikeln in der Ausatemluft desjenigen, der die MNB trägt. Der Eigenschutz des Trägers sei bisher nicht wissenschaftlich belegt, so das RKI weiter.

Auch einige Studien wie diese von 2013 und auch aktuelle Studien aus dem März bestätigen die Wirksamkeit von Masken als Barriere für erregerhaltige Tröpfchen und Aerosole. OP-Masken bieten laut der Studien generell einen besseren Schutz als selbstgemachte Masken – und es sei in jedem Fall nicht ausgeschlossen, dass ein Teil der Viren und Bakterien die Maske je nach Sitz dennoch passieren kann.

Alltagsmasken sind also keine vollständige Garantie, sich nicht zu infizieren. Laut RKI sind sie "ein weiterer Baustein", um die Ausbreitungsgeschwindigkeit des Coronavirus in der Bevölkerung zu reduzieren. "Beim Einsatz von MNB ist es essenziell, auf eine hygienisch einwandfreie Handhabung und Pflege zu achten." Zusätzlich sollten Menschen stets Abstand halten und die Handhygiene beachten.

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