Jetzt steht sie endlich zum Download bereit: die Corona-Warn-App. Aber warum hat das eigentlich so lange gedauert und was kann sie leisten? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

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Für den Weg aus der Coronakrise in die Normalität setzen viele Menschen ihre Hoffnung in die nagelneue Corona-Warn-App der Bundesregierung. Sie soll dabei helfen, die Infektionsketten frühzeitig zu erkennen und zu durchbrechen.

Warum hat es solange gedauert, bis die App zur Verfügung stand?

Zu Beginn der Coronakrise hat sich Bundesgesundheitsminister Jens Spahn zunächst an Apps orientiert, die mit Hilfe von Geo-Informationen (GPS oder Mobilfunkzelle) tracken, wo Infizierte sich aufgehalten haben und wen sie dabei getroffen haben. Es stellte sich aber schnell heraus, dass dieses Verfahren technisch zu ungenau ist und Datenschutzprinzipien verletzt. Der Chaos Computer Club wertete die ersten Ansätze als "zentralisierten Überwachungsalptraum", den Spahn ursprünglich geplant habe. Die Wahl fiel dann auf die Bluetooth-Technik, die präziser als GPS und Mobilfunkortung ist.

Danach stritten Wissenschaftler und Datenschützer noch lange über die beste Speichermethode: zentral auf einem Server oder dezentral auf den Smartphones selbst. Dieser Streit wurde letztlich durch Apple und Google entschieden, die für die Nutzung von dringend benötigten Programmschnittstellen nur eine dezentrale Speicherung der Kontaktdaten erlauben. Die Bundesregierung entschied dann zusätzlich, den Quellcode der App zu veröffentliche, Feedback einzuholen und den Code ständig nachzubessern. Datenschützer und IT-Experten sind aber unisono der Meinung, dass sich dieser Zeiteinsatz gelohnt hat.

Was soll die App leisten?

Die App schützt die Anwender nicht davor, selbst mit dem Virus infiziert zu werden. Sie soll aber Infektionskette frühzeitig erkennen und unterbrechen.

Das Coronavirus ist nämlich schon ansteckend, bevor Krankheitssymptome sichtbar sind. Die App hat die Aufgabe, Personen frühzeitig zu warnen, die mit Infizierten in Kontakt standen. Die App soll außerdem dazu beitragen, dass Betroffene schneller ihr Testergebnis erhalten.

Kann das mit Bluetooth-Technik überhaupt funktionieren?

Klar ist, der Kurzstreckenfunk Bluetooth wurde nie für diese Aufgabe erfunden, sondern für andere Zwecke wie das Anschließen einer drahtlosen Tastatur und Computermaus an einen PC oder das Streamen von Musik vom Smartphone auf einen Lautsprecher. Bluetooth eignet sich aber besser als andere Techniken dazu, auch Entfernungen zwischen zwei Geräten zu schätzen, auch wenn manche Experten wie Jörg Schmalenströer von der Universität Paderborn Bluetooth für ungeeignet halten. Mit der App verwandelt sich ein Smartphone in einen kleinen "Bluetooth-Leuchtturm", der im Abstand von zweieinhalb bis fünf Minuten eine temporäre Identifikationsnummer 16-mal in die nähere Umgebung funkt. Gleichzeitig lauscht das Telefon, ob es Bluetooth-Signale von anderen empfangen kann. Halten sich Nutzer, die beide die App laufen haben, nebeneinander auf, tauschen die Smartphones ihre IDs aus.

Infografik Corona-App

Was passiert, wenn ein Anwender positiv getestet wurde?

In diesem Fall trägt man diesen Status selbst in die App ein. Das Meldesystem will dabei verhindern, dass versehentlich oder absichtlich eine falsche Infektionsmeldung in das System gelangt. Um einen Missbrauch oder Irrtum zu verhindern, muss dieser Status offiziell bestätigt werden. Das geschieht zum einen über einen QR-Code, den man vom Testlabor erhält. Alternativ kann man auch eine TAN eingeben, die man von einer Telefon-Hotline bekommt, da nicht alle Labore in der Lage sind, QR-Codes zu generieren. Im Infektionsfall erhalten die betroffenen Kontakte einen Hinweis, dass sie sich testen lassen sollen.

Wie unterscheidet sich die Corona-Warn-App von anderen Programmen?

Nach den Vorgaben von Google und Apple kann es pro Land nur eine offizielle Tracing-App geben, die mögliche infektiöse Kontakte nachverfolgt. Das ist die Corona-Warn-App des Robert Koch-Instituts (RKI), die von SAP und Telekom entwickelt wird.

Es gibt parallel dazu andere Anwendungen mit anderen Zielen: Die Datenspende-App des RKI etwa sammelt Informationen von Fitness-Trackern ein, um zu sehen, ob es in den Regionen Auffälligkeiten gibt.

Andere Apps überwachen, wie viele Menschen sich in einem bestimmten Bereich befinden, etwa an einem Strandabschnitt an der Ostsee.

Wie unterscheidet sich die deutsche App von Anwendungen in anderen Ländern?

Apps in asiatischen Ländern wie China, Singapur, Südkorea oder Indien erfüllen nicht die deutschen Datenschutzanforderungen, weil sie beispielsweise die Nutzer bloßstellen oder durch die Analyse der GPS-Signale ein Bewegungsprofil erstellen können.

Die App in Frankreich ähnelt dem Ansatz in Deutschland, besteht aber auf einer zentralen Speicherung der Kontaktdaten. Andere Länder wie die Schweiz oder Österreich folgen wie Deutschland den Datenschutzvorgaben von Apple und Google und können dadurch auch die technischen Schnittstellen (APIs) der Tech-Konzerne nutzen.

Auf welchen Smartphones kann die App installiert werden?

Beim iPhone ist das aktuelle iOS 13.5 Mindestvoraussetzung. Das gibt es für Geräte ab dem iPhone 6s oder dem iPhone SE. Ein altes iPhone 5, 5S oder 6 reicht nicht aus.

Bei Android-Handys ist die Lage etwas unübersichtlicher. Hier muss zum einen Bluetooth LE unterstützt werden. Das ist ab Android 6 der Fall. Zum anderen müssen aber auch die Google Play Services laufen, weil der Konzern die Schnittstellen nicht über Android selbst zu Verfügung stellt, sondern über diese Google-Dienste.

Android-Handys ohne Google Play Services, wie die neuesten Huawei-Modelle, bleiben außen vor.

Besteht die Gefahr, dass die App nicht doch heimlich zur Überwachung der Bevölkerung eingesetzt wird?

Nein, das ist quasi ausgeschlossen. Der Quell-Code der App kann auf der Plattform GitHub transparent eingesehen werden. Bei etlichen Analysen des Codes wurden keine Hintertüren oder andere Anomalien entdeckt.

Greifen Google und Apple bei der App sensible Daten ab?

Davon ist nicht auszugehen. Es gibt keinerlei Hinweise in diese Richtung, selbst wenn das theoretisch irgendwie möglich wäre. Dass die Programmschnittstellen (APIs) der beiden Konzerne im Gegensatz zur App selbst nicht quelloffen gemacht wurden, ist nach Einschätzung des Chaos Computer Clubs als "ein Schönheitsfehler für Transparenz und Überprüfbarkeit" zu bewerten. "Als vertrauensbildende Maßnahme wäre es wünschenswert gewesen, wenn auch Apple und Google ihren Teil des Systems Open Source gestellt hätten", sagte Clubsprecher Neumann. "Da Apple und Google die Mobiltelefone aber vollständig kontrollieren, könnten sie sich ohnehin immer Zugriff auf alle Daten verschaffen. Als Käuferinnen sind wir daher immer davon abhängig, den Herstellern unserer Systeme vertrauen zu müssen – das ist nicht schön, aber leider bittere Realität des Duopols."

Kann man zur Verwendung der App gezwungen werden?

Die Bundesregierung hat mehrfach betont, dass die Installation und Verwendung der App absolut freiwillig sind und dass es keinen App-Zwang geben darf. Auch positive Anreize wie Steuererleichterungen oder andere Vergünstigungen hat die Koalition ausgeschlossen. "Klar ist: Ein Zwang zur Nutzung der App würde dem Vertrauen maximal schaden", sagt Linus Neumann, der Sprecher des Chaos Computer Clubs. "Nach unserer Kenntnis plant das zurzeit auch niemand."

Die Grünen und Linken, Verbraucherschützer und Organisationen wie Amnesty International fordern aber, dass der Einsatz der App durch ein Gesetz geregelt wird. So müsse nicht nur die Installation der App freiwillig sein. Es dürfe auch keine Verpflichtung geben, ein Smartphone mit laufender App mit sich zu führen und bei Restaurantbesuchen, beim Einkaufen oder Veranstaltungen vorzuzeigen.

Wie viele Menschen müssen die App nutzen, damit der gewünschte Effekt eintritt?

Eine Studie aus Oxford besagt, dass der volle Effekt erst dann erreicht wird, wenn sich 60 Prozent der Bevölkerung oder mehr beteiligen. Das wird aber vermutlich nicht zu erreichen sein.

Selbst eine populäre App wie WhatsApp hat Jahre gebraucht, um eine so hohe Installationsquote zu erreichen. Die Forscher aus Oxford sagen aber auch: "Selbst bei einem geringeren Anteil gehen wir davon aus, dass die Zahl der Infektionen und Todesfälle sinkt."

Regierungssprecher Steffen Seibert verwies am Montag auf inzwischen veränderte Rahmenbedingungen: "Das war eine vollkommen andere Zeit mit einem viel, viel höheren Reproduktionsfaktor." Die Berechnungen aus Oxford gingen auch von der Annahme aus, dass es gar keine anderen Mittel des Kampfes gegen die Pandemie gebe. Der Nutzen der App wird aber umso größer sein, je mehr Nutzer sie habe. "Deswegen hoffen wir, dass viele Menschen sich überzeugen lassen. Aber sie hat ihren Nutzen bereits weit unterhalb dieser Marke von 60 Prozent."

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Wie kann verhindert werden, dass die App den Akku zu schnell entlädt?

Das wurde im Prinzip schon dadurch gelöst, dass man sich auf die Verwendung von Bluetooth LE geeinigt hat. LE steht für Low Engergy (geringen Strombedarf).

Die Entwickler der App versprechen, dass die Anwendung längst nicht so viel Strom verbraucht wie das Streamen von Musik auf einen Bluetooth-Lautsprecher. Ob das Versprechen gehalten werden kann, wird die Praxis zeigen.

Wie sicher kann die Warn-App gegen Fehlalarme sein?

Da die Bluetooth-Technik nicht für das Messen von Abständen entwickelt wurde, wird es sicherlich auch Fehlalarme geben. Es kann auch sein, dass sich Infizierte hinter einer Glaswand befunden haben und einen Alarm auslösen, obwohl durch den "Kontakt" keine Infektionsgefahr ausging.

Daher verweisen selbst die Entwickler darauf, dass die App nur einen begrenzten Beitrag zur Normalisierung liefern kann. Sie ist keine Wunderwaffe. Wer sich und andere vor einer Infektion schützen will, sollte auch mit der App Abstand wahren und eine Maske tragen. (ff/ska/dpa)