Die Ministerpräsidentin der Balearen ist Pharmazeutin und verfolgt einen konsequenten Plan aus Hygiene-Strenge und kontrollierter Öffnung. Damit mausert sich Mallorca zum Musterbeispiel für erfolgreiche Coronapolitik. Von der Ballermann-Party-Stimmung wird allerdings nichts übrig geblieben.

Wolfram Weimer
Eine Kolumne
von Wolfram Weimer
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Entgegen mancher Befürchtung meldet Mallorca auch nach vorsichtiger Öffnung für Urlauber niedrige Corona-Inzidenzwerte. Die Infektionszahlen liegen seit Wochen konstant unter einer 7-Tages-Inzidenz von 30 (am Ostermontag waren es genau 26,7), seit 12 Tagen ist niemand mehr an Corona gestorben, nur noch 10 Prozent der Intensivbetten sind mit COVID-Patienten belegt, die Positiv-Testrate ist über Ostern auf 0,98 Prozent gefallen.

Mit Inzidenzwerten um die 30 liegt Mallorca weit unter europäischen Vergleichszahlen wie Ungarn (600), Polen (500), Frankreich (400), Niederlande und Belgien (300), Deutschland (130). Selbst nordische Staaten haben ein deutlich höheres Infektionsgeschehen. Nur Island und Portugal stehen derzeit ähnlich gut da wie Mallorca. Die Baleareninsel mausert sich damit zur Verblüffung mancher Experten zum Vorzeigegebiet für erfolgreiche Coronapolitik.

Obwohl täglich wieder tausende Deutsche auf die Urlaubsinsel kommen, bleibt die Infektionslage unter Kontrolle. Drei Gründe gibt es für die positive Entwicklung. Zum einen hat Mallorca, das noch im Winter hart von der zweiten Welle getroffen worden war, durch einen konsequenten Lockdown mitsamt weitgehender Abriegelung der Insel die Infektionen im ersten Quartal viel stärker zurückgedrängt als die meisten anderen Länder Europas, auch stärker als Spanien insgesamt. Ähnlich wie in Portugal zeigt sich nun der nachhaltige Effekt des harten Einschnitts.

Strenge Regeln und milde Temperaturen begünstigen die Situation auf Mallorca

Zweitens werden auf Mallorca - entgegen mancher Klischeevorstellungen in Deutschland - die Corona-Hygieneregeln und das Unterbrechen von Infektionsketten recht streng befolgt. Anders als in Deutschland gibt es auf Mallorca sogar eine generelle Maskenpflicht auch im Freien. Verstöße werden mit 100 Euro Bußgeld geahndet. Die Polizei verfolgt Vergehen konsequent, selbst auf Stränden.

So kam es am Osterwochenende auf dem Stadtstrand von Palma de Mallorca, Can Pere Antoni unweit der Kathedrale, zu einer Razzia unter Strandbesuchern ohne Masken. Nach der Räumungsaktion müssen 67 Personen nunmehr mit hohen Bußgeldern rechnen. Außerdem wurden auf Mallorca über das Osterwochenende in 31 Fällen Bars, Cafés und illegale private Feste geräumt oder aufgelöst. 276 Personen müssen mit Bußgeldern rechnen. Selbst private Grillpartys auf Fincas werden von Polizisten beendet.

Drittens sorgt auch das milde Frühlingswetter dafür, dass die dritte Welle auf Mallorca bislang ausbleibt. Teile des öffentlichen Lebens verlagern sich ins Freie, wo die Infektionsgefahren gering sind. Wenn in Nordeuropa erst ab Mai mit einer jahreszeitlich bedingten Entlastung des Infektionsgeschehens zu rechnen ist, passiert das auf Mallorca schon ab März.

Francina Armengol: "Wenn wir rigoroser vorgehen, werden sie noch besser laufen"

Der Corona-politische Erfolg ist aber auch der Verdienst einer umsichtigen Politik - der amtierenden Ministerpräsidentin Francina Armengol. Die 49 Jahre alte Sozialistin regiert die Balearen seit sechs Jahren - 2015 kam sie als erste Frau ins Präsidentenamt. Sie ist konziliant und doch unkonventionell, bekennender Fußballfan des FC Barcelona und Liebhaberin französischer Musik, mit ihrem Lebensgefährten hat sie zwei adoptierte Kinder aus der Sahara.

Armengol erweist sich als Glücksfall in der Pandemie, denn die Politikerin ist studierte Pharmazeutin, stammt aus einer Apothekerfamilie und verfügt in medizinischen Fragen über eine hohe Sachkompetenz. Sie verfolgt eine Strategie von Hygiene-Strenge und behutsamer Öffnung. "Die Dinge laufen gut", sagt sie zufrieden, um sogleich zu warnen: "Wenn wir rigoroser vorgehen, werden sie noch besser laufen." Selbst unpopuläre Devisen gibt sie aus: "Umarmungen und Küsse können einen Monat warten. Ansonsten könnten es die letzten sein."

Gerade wegen der verantwortungsvollen Strategie kommt es auf Mallorca gar nicht gut an, wenn deutsche Medien und insbesondere der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach Mallorca unterstellen, die Pandemie nicht sorgsam zu bekämpfen oder gar Zahlen zu fälschen. "Wir sind keine Bananenrepublik" kontern die Mallorquiner empört und weiter heißt es aus der Regionalregierung in Palma: "Wir machen es in Wahrheit besser als Deutschland."

Mallorca will weg vom billigen Massentourismus

Armengol steht Corona-politisch unter besonderem Druck, weil Mallorca von der Pandemie wirtschaftlich extrem hart getroffen wird. Die Lockdowns und Reisebeschränkungen haben den Tourismus - das wirtschaftliche Rückgrat der Insel - katastrophal geschwächt. Im Jahr 2020 kamen nur zwei Millionen Urlauber nach Mallorca - ein Minus von mehr als 80 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, als es noch fast zwölf Millionen waren.

Statt 15 Milliarden Euro (2019) gaben die Touristen auf den Balearen im abgelaufenen Jahr nur 1,8 Milliarden Euro aus. Der Druck aus Hotellerie, Gastronomie und Gesellschaft ist enorm, schneller zu öffnen. Doch Armengol sträubt sich gegen zu frühe Corona-Lockerungen, verkündet immer wieder man müsse "langsam und vorsichtig" in die Öffnungen gehen.

Anderseits sucht sie jede Chance, verantwortungsvolle Öffnungen auch zielstrebig zu ermöglichen. Geschickt hat sie den Neustart des deutschen Tourismus eingefädelt. Allerdings nutzt Armengol die Krise, um den Tourismus Mallorcas grundlegend neu auszurichten. Sie will weg vom billigen Massentourismus. Die Balearen stünden in Zukunft für einen gehobenen, qualitativen und nachhaltigen Tourismus, Sport, Kultur und kulinarische Erlebnisse.

Bereits 2019 hatte die Regionalregierung Maßnahmen ergriffen, um den Sauftourismus an den bei deutschen und britischen Touristen beliebten Orten El Arenal und Magaluf einzudämmen. Nun wird dem Ballermann der Garaus gemacht. Armengol bringt die historische Corona-Wende auf den Punkt und verkündet: "Das Eimersaufen ist Geschichte."

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