Während sich deutschlandweit die Corona-Infektionszahlen weiter auf hohem Niveau bewegen, läuft fast überall der Unterricht ohne Einschränkungen weiter. In den Schulen sorgt das für Unmut.

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"Die Einschläge kommen näher", sagt Michael Schmidt. Der 54-jährige Lehrer zählt sich selbst zur Risikogruppe. Er spricht am Telefon offen darüber, wie die zweite Welle der Corona-Pandemie die oberbayerische Berufsschule erfasst hat, an der er unterrichtet. Seinen richtigen Namen möchte Schmidt nicht im Internet veröffentlicht wissen, der Redaktion ist er bekannt.

Schmidt sah den negativen Trend bei den Infektionszahlen kommen: Seine Schule besuchen etwa 1.300 Schüler, in der vergangenen Woche gab es drei positive Fälle, in der aktuellen bis Mittwoch zwei. Mehrere komplette Klassen befinden sich derzeit in Quarantäne, darüber hinaus einzelne Gruppen. Das zeigen interne Daten, die unsere Redaktion einsehen konnte.

Die Corona-Fallzahlen an dieser Beispielschule liegen deutlich über dem Schnitt der Gesamtbevölkerung Bayerns und Deutschlands. Und Schmidts Berufsschule stellt keine Ausnahme dar: "Schülerinnen und Schüler sind ein wesentlicher Teil des Infektionsgeschehens", betont die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina am Montag in einer Stellungnahme.

Demnach habe die Inzidenz in allen Altersgruppen zuletzt "deutlich zugenommen". Junge Erwachsene weisen derzeit – abgesehen von den Über-90-Jährigen – landesweit die höchsten Inzidenzwerte auf. Stand Sonntag befanden sich laut der Kultusministerkonferenz ...

  • 200.000 Schüler (1,8 Prozent aller Schüler) und etwas mehr als 13.000 Lehrkräfte (in 1,5 Prozent) in Quarantäne
  • … und 18.300 Schüler (0,2 Prozent) und 3.800 Lehrkräfte (0,4 Prozent) infizierten sich mit SARS-CoV-2.
  • Deutschlandweit waren 106 Schulen komplett (0,4 Prozent) und 4.074 teilweise geschlossen (14 Prozent).

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RKI-Präsident: "Wir sehen immer mehr Ausbrüche in Schulen"

Das Robert-Koch-Institut (RKI) zählt in ihrem am Mittwoch veröffentlichten "COVID-19-Lagebericht" erstmals auch Schulen zu den Orten, an denen die Gesundheitsämter gehäuft Corona-Ausbrüche registrieren. Bereits vergangene Woche hatte RKI-Präsident Lothar Wieler erklärt: "Wir sehen immer mehr Ausbrüche in Schulen." Mehr als 370 waren es vergangene Woche, aktuell sollen es Wieler zufolge 475 sein. "Das Geschehen wird in Schulen rein- und rausgetragen", sagte er.

Seine Ansage kam deutlich vor dem Treffen von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und den 16 Ministerpräsidenten. Bund und Länder hatten am Montag zwar über schärfere Corona-Eindämmungsmaßnahmen beraten, sie vertagten aber konkrete Entscheidungen auf kommenden Mittwoch.

Der Bund hatte dabei zusätzliche Vorkehrungen in Schulen gefordert, darunter eine Halbierung von Klassen und die Einführung eines Systems des Wechselunterrichts. Die Länder lehnten dies ab. Bei Schmidt und vielen seiner Kollegen sorgt das für Kopfschütteln.

Lehrerpräsident fordert Maskenpflicht für alle Schüler

Dass Merkel und die Länderchefs vorerst keine Corona-Maßnahmen für den Schulbetrieb beschlossen, hält der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, für "einen großen Fehler".

"Die für die Gesamtgesellschaft geltenden Regeln im Lockdown-Monat November und die an Schulen geltenden Regeln könnten unterschiedlicher nicht sein", sagte Meidinger auf Anfrage unserer Redaktion. Der ehemalige Schulleiter des Deggendorfer Robert-Koch-Gymnasiums ruft die Politik zum Handeln auf und warnt: "Mit jeder Verschiebung von notwendigen Verschärfungen von Gesundheitsschutzmaßnahmen an Schulen wächst die Gefahr vollständiger Schulschließungen und explodierender Quarantänezahlen."

Um die Ausbreitung der Pandemie an Schulen zu bremsen, fordert Meidinger eine Maskenpflicht für Schüler in allen Bundesländern, auch im Unterricht. Ihm zufolge brauche es einen Fahrplan, ab welchen Infektionszahlen die Hygienemaßnahmen an Schulen verschärft werden müssen. "In vielen Regionen wird es überdies notwendig sein, wieder Klassen zu teilen und in den Hybridbetrieb zu gehen", erklärt Meidinger.

Weitestgehender Konsens: Generelle Schulschließungen vermeiden

Generelle Schulschließungen will der Deutsche Lehrerverband möglichst vermeiden. "Aber dafür muss die Politik für den Gesundheitsschutz an Schulen mehr tun als derzeit", sagt Meidinger.

Auch Leopoldina und RKI sprechen sich gegen flächendeckende Schließungen aus. Ebenso die Bundesschülerkonferenz. Geschlossene Schulen sollten "unbedingt vermieden" werden, erklärte die Schülervertretung am Montag. Stattdessen sollten "gemischte Modelle" wie der hybride Unterricht zum Einsatz kommen.

"Für die Jugendlichen ist die Schule nicht nur ein Lernort, sondern ebenso ein sozialer Raum", erklärte Dario Schramm, Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz. Dieser sei für ihre Entwicklung essenziell. Das unterstreicht auch die Leopoldina in ihrer Stellungnahme.

Hybrider Unterricht sorgt für steigende Arbeitsbelastung

Aber genau dieser hybride Unterricht kommt bereits jetzt an vielen Schulen zum Einsatz – zwangsweise. Die Arbeitsbelastung sei damit "deutlich gestiegen", sagt Berufsschullehrer Schmidt. Für seine Schüler in Quarantäne muss er das Unterrichtsmaterial aufbereiten und auf eine digitale Lernplattform stellen – neben dem normalen Stoff, den er für die Präsenzklasse plant. Fast doppelte Arbeit, bei gleichbleibender Stundenanzahl.

Dazu kommt ein weiteres Problem, welches auch bei geteilten Klassen fortbestehen wird: Die Hygienemaßnahmen müssen nicht nur in der Schule selbst, sondern auch im Umfeld der Schule und im privaten Bereich streng befolgt werden.

Für Berufsschullehrer Schmidt ist das aber realitätsfremd. Im Schulgebäude würden sich zwar alle Schüler weitestgehend an die Regeln halten, er sei sogar "positiv überrascht". Weil die Schule aber einen großen Einzugsbereich hat, bilden viele Schüler Fahrgemeinschaften – trotz Verbots vieler Betriebe in der Coronakrise. Da der öffentliche Nahverkehr teilweise so schlecht sei, bleibe den Schülern nichts anderes übrig, um pünktlich zum Unterricht zu erscheinen, erläutert Schmidt.

Er selbst hat deswegen seine persönlichen Konsequenzen gezogen: "Ich betrete das Schulhaus nicht mehr ohne FFP2-Maske." Schmidt meidet zudem den Pausenraum und den Kontakt zu Kollegen. Und er verbringt nur noch die unbedingt notwendige Zeit in der Schule. "Den Rest arbeite ich von zu Hause aus."

Verwendete Quellen:

  • Telefonat mit Michael Schmidt, Berufsschullehrer
  • E-Mail-Anfrage an Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes
  • Pressekonferenzen des Robert-Koch-Instituts am 12. und 19. November
  • Robert-Koch-Institut: "Täglicher Lagebericht des RKI zur Coronavirus-Krankheit-2019" vom 17. November
  • Leopoldina: "Leopoldina weist erneut auf Einhaltung von Schutzmaßnahmen in Schulen hin"
  • Material der Deutschen Presse-Agentur

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Bayerns Ministerpräsident Markus Söder bekäftigt die Aufrechterhaltung des Regelschulbetriebs, weiß aber auch um die Notwendigkeit eines Notfallplans. Er nennt ihn "Hotspot-Vereinbarung".