• Der zeitweilige Impfstopp hat das Vertrauen in das Vakzin von Astrazeneca stark erschüttert.
  • Im Interview zeigt Krisenmanager Marcus Ewald, wie die Regierung dieses Vertrauen wieder aufbauen kann.
  • So schlägt er vor, einen Nebenwirkungstracker zu veröffentlichen, falls es ein Problem mit der Impfbereitschaft gibt.

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Herr Ewald, das Image von Astrazeneca hat durch den zeitweiligen Impfstopp stark gelitten. Was muss die Bundesregierung nun unternehmen, um in der Bevölkerung wieder Vertrauen für den Impfstoff zu schaffen?

Marcus Ewald: Astrazeneca ist ein hervorragender Impfstoff. Dass er gut ist, zeigt sich eben gerade an dem kurzzeitigen Impfstopp: Es gab den Stopp, obwohl Weiterimpfen weitaus mehr Leben gerettet hätte als die vermutete Komplikation geschädigt hätte. Die Bürgerinnen und Bürger können sich also sicher sein: In Deutschland geht die Sicherheit eines Impfstoffs immer vor, selbst wenn diese Entscheidung die gesellschaftliche Gesundheit gefährdet. Aber falls es ein Problem mit der Impfbereitschaft gäbe, würde ich einen Nebenwirkungstracker veröffentlichen. Die Nebenwirkung hat zwei Mikromort*. Das ist international normiert gleichbedeutend mit: einmalig drei Zigaretten rauchen oder zwölf Minuten Kanu fahren oder zweimal geröntgt werden.

*Anm. d. Red.: Mikromort ist eine Maßeinheit zur Risikobewertung. Ein Mikromort entspricht einer Wahrscheinlichkeit von 1:1.000.000, an einer bestimmten Tätigkeit zu sterben.

Könnten aufmerksamkeitsstarke Aktionen helfen, zum Beispiel, wenn sich führende Politiker öffentlich mit dem Astrazeneca-Impfstoff impfen lassen?

Ich denke, dass wir hier eher Zurückhaltung beobachten werden. Astrazeneca hat die Liefermengen an die EU unlängst von 220 Millionen auf 100 Millionen Dosen reduziert. Das heißt auch, Deutschland erhält nicht mehr 41,8 Millionen Dosen, sondern nur noch 19 Millionen Dosen. Wäre jetzt das Interesse zu groß, würde diese Knappheit viel deutlicher auffallen. Aber ja: Wenn die Verträge anders gestrickt wären, würden solche Aktionen natürlich helfen.

"Wahlmöglichkeiten verlangsamen die Impfungen"

Wäre es eine Möglichkeit, den Bürgern die Wahl zu lassen, ob sie sich mit Astrazeneca impfen lassen wollen?

Wenn wir nicht in einer Pandemie wären, würde ich da zustimmen. Allerdings zählt heute nichts mehr, als Geschwindigkeit, und Wahlmöglichkeiten verlangsamen die Impfungen. Und trotz der gelegentlichen Diskussion ist absolut sicher: Das Impfen in Deutschland wird niemals daran scheitern, dass es zu wenig Interessierte gibt.

Wie kann die Regierung die Bürger besser mitnehmen, um Verständnis für die Prozesse zu schaffen?

Jede Krise kann bewältigt werden, wenn alle an einem Strang ziehen. Das wollen wir alle – aber wir brauchen dafür einen Plan. Im Frühjahr kauften alle Klopapier und Nudeln, gerade weil alle bereit waren für eine harte Ausgangssperre, die dann nie kam. Die Bürgerinnen und Bürger in diesem Land gehen mit, wenn sie wissen, wohin. Allerdings überwiegt derzeit die Angst. Nicht die Angst der Leute vor dem Virus oder einem harten Lockdown, sondern die Angst der Regierungen vor einem harten Lockdown. Aber Angst ist nie ein guter Berater für einen Krisenmanager. Aus dieser Angst heraus wurde vermutlich auch nicht vorausgeplant – aber wenn wir einen langfristigen Plan hätten, dann wäre Transparenz in der Tat das richtige Mittel.

"Was der Regierung fehlt, sind die Handlungen einer Krisenkanzlerin"

Braucht die Regierung so etwas wie eine PR-Strategie?

Die Kanzlerin hat weiterhin ein sehr gutes Image als Krisenkanzlerin. Die PR also scheint zu funktionieren. Was der Regierung fehlt, sind die Handlungen einer Krisenkanzlerin. Wenn wir Krisen-PR machen, müssen wir oft zuerst die Fakten schaffen, über die wir sprechen. Und hier fehlen schlicht Resultate, das kann auch eine PR-Strategie nicht kaschieren.

Über den Experten: Marcus Ewald ist geschäftsführender Gesellschafter der Ewald & Rössing GmbH für Krisenkommunikation in Mainz.

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