Millionen Menschen in Deutschland hoffen auf einen auskömmlichen Ruhestand. Doch die Kritik am aktuellen System der Altersversorgung wächst. Was sind die Gründe für die Skepsis?

Gewerkschaften und Sozialpolitiker warnen vor Altersarmut, CSU-Chef Horst Seehofer hält die Riester-Rente für gescheitert - die Diskussion um die Zukunft der Altersversorgung von Millionen Menschen läuft auf Hochtouren. Das Modell aus gesetzlicher, privater und betrieblicher Rente gerät von zwei Seiten unter Druck.

Welche Folgen hat die Nullzinspolitik der EZB?

Sie belastet die betriebliche Altersversorgung sowie die privaten Renten- und Lebensversicherungen. Das Geld der Versicherer steckt vor allem in als sicher geltenden Anleihen mit guter Bewertung. Jährlich laufen hochverzinste Anleihen aus, neue Papiere werfen wegen der Niedrigzinsen am Kapitalmarkt kaum noch etwas ab. Den Anbietern fällt es zunehmend schwer, die hohen Zinsversprechen der Vergangenheit zu erwirtschaften.

Was bedeutet das für die Versicherten?

Viele werden weniger aus der privaten Altersversorgung herausbekommen als erhofft. Verbraucher, die eine klassische Lebens- oder Rentenversicherung mit einem Garantiezins von 4 Prozent haben, stehen vergleichsweise gut da. Allerdings sinkt wegen der Niedrigzinsen auch die Überschussbeteiligung, die die Anbieter jährlich neu festsetzen.

Das trifft auch die Besitzer mit Altverträgen: Die laufende Verzinsung aus Garantiezins und Überschussbeteiligung auf den Sparanteil - also nach Abzug der Kosten - ist rückläufig.

Neukunden müssen sich seit Anfang 2015 bei klassischen Lebensversicherungen mit einem Garantiezins von 1,25 Prozent begnügen. Ab 2017 sollen nach Willen des Bundesfinanzministeriums bei Neuverträgen maximal noch 0,9 Prozent versprochen werden dürfen.

Was sind die Folgen der Niedrigzinsen für die betriebliche Rente?

Einzelne Pensionskassen könnten möglicherweise bald nicht mehr aus eigener Kraft ihre vollen Leistungen erbringen, warnt die Finanzaufsicht Bafin. Mit ihnen werde derzeit gesprochen, wie es weitergehen könne. "Eine Kürzung der Leistungen für die Versicherten wollen wir natürlich verhindern", sagt Versicherungsaufseher Frank Grund.

Die Bafin dringt darauf, dass die Arbeitgeber als Träger der Kassen neues Geld nachschießen. Die Unternehmen sind dazu aber nicht verpflichtet.

Die Firmen wiederum müssen wegen der Zinsschmelze immer mehr Geld für großzügige Pensionszusagen der Vergangenheit zurücklegen. Maßstab für die Berechnung von Pensionslasten ist die Rendite von Unternehmensanleihen mit guter Bonität. Sinkt die Rendite der Anleihen, steigt der in der Bilanz anzusetzende Gegenwert der Pensionsverpflichtungen.

Das trifft nicht nur Großkonzerne. "Mit seinen Zusagen zur betrieblichen Altersvorsorge leidet der deutsche Mittelstand unter den niedrigen Zinsen", sagt der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Industrie- und Handelskammertages, Volker Treier. Die steigenden Pensionslasten hemmten zudem Investitionen.

Was bedeutet das für künftige Pensionäre?

Das hängt vom jeweiligen System der betrieblichen Altersvorsorge ab. Die Direktversicherung - eine Lebensversicherung, die Arbeitgeber für ihre Beschäftigten abschließen - ist von der Zinsschmelze betroffen.

Mitarbeiter, deren Unternehmen eine feste Verzinsung in einer Betriebsvereinbarung zugesagt haben, können grundsätzlich entspannter auf den Ruhstand blicken. "In bestehende Zusagen kann praktisch nicht eingegriffen werden", sagt der Vorstandssprecher des Instituts der Wirtschaftsprüfer (IDW), Klaus-Peter Naumann.

Anders sieht das bei Neueinstellungen aus. Immer mehr Firmen machen wegen der Niedrigzinsen keine festen Pensionsversprechen mehr, sondern sagen lediglich zu, einen bestimmten Betrag pro Monat in Vorsorgekassen einzuzahlen. Das Zinsrisiko tragen die künftigen Pensionäre. Nach einer Analyse des Beratungsunternehmens Willis Towers Watson gilt das für die große Mehrheit der Dax-Konzerne.

Was ist mit der Riester-Rente?

Mehr als 16,5 Millionen Riester-Verträge wurden seit 2002 abgeschlossen. "Aber die hochfliegenden Erwartungen, die Anfang der 2000er Jahre mit der Riester-Rente verbunden waren - die sind eben nicht eingelöst worden", sagte Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) jüngst. Insbesondere Kleinverdiener hätten die Riester-Rente nicht abgeschlossen. Nicht alle Versicherten halten zudem durch.

Hinzu kommt: Der Großteil der abgeschlossenen Verträge beruht auf einer klassischen Rentenversicherungspolice und ist damit von den niedrigen Zinsen betroffen. Wegen staatlicher Zulagen kann sich Riestern aber auch heute noch rechnen.

Leidet die gesetzliche Rente unter den Niedrigzinsen?

Sie ist umlagefinanziert und noch ist die Rentenkasse mit einer milliardenschweren Rücklage gefüllt. Die Reserven schmelzen aber dahin. Das Problem: Die geburtenstarken Jahrgänge gehen in Rente und immer weniger Jüngere müssen eine wachsende Zahl von Ruheständlern finanzieren. Zugleich steigt die Lebenserwartung: 65-jährige Männer werden heute im Schnitt älter als 82, Frauen fast 86. Seit 1960 hat sich die durchschnittliche Rentenbezugsdauer auf 20 Jahre verdoppelt.  © dpa