Alice Schwarzer hat Steuern hinterzogen. Mit einer Selbstanzeige entzieht sich die Frauenrechtlerin rechtlichen Konsequenzen. Es werden Erinnerungen an den Fall Uli Hoeneß wach. Doch für die Publizistin könnte der Steuerbetrug weitaus dramatischere Folgen haben.

"Die auch?", dachte man als die Nachricht die Runde machte: Alice Schwarzer hat Steuern hinterzogen. Seit den 1980ern besitzt sie ein Konto in der Schweiz, dessen Zinseinnahmen sie jahrzehntelang nicht versteuerte. Damit reiht sich die 71-Jährige ein in eine illustre Reihe: der Ex-Post-Chef Klaus Zumwinkel, der FC-Bayern-Präsident Uli Hoeneß, der frühere Zeit-Herausgeber Theo Sommer, der Filmproduzent Atze Brauner – sie alle sollen den Staat um hunderttausende Euro betrogen haben.

Kaum war die Nachricht in der Welt, ergoss sich ein Schwall Häme über Alice Schwarzer. Ausgerechnet die Frau, die in Talkshows und Interviews gerne mit erhobenem Zeigefinger sprach, so sahen es viele, hatte nun selbst moralisch versagt. "Der Uli Hoeneß der Gleichberechtigung", nannte sie ein Leser im Netz. Doch während der Fußballboss nur leicht lädiert aus der Affäre zu kommen scheint, könnte der Steuerskandal für Alice Schwarzer zur echten Gefahr werden. Sie hat eines ihrer wichtigsten Waffen aufs Spiel gesetzt: ihre Glaubwürdigkeit.

Schwarzer büßt Glaubwürdigkeit ein

Dabei steht Schwarzer juristisch gesehen besser da. Wohl aus Angst, auf einer Steuer-CD aufzutauchen, hatte sie sich selbst angezeigt und nach eigenen Angaben für die vergangenen zehn Jahre rund 200 000 Euro Steuern plus Säumniszinsen nachgezahlt. Damit wird sie straffrei aus der Sache herausgehen, im Gegensatz zu Hoeneß, der sich Anfang März vor Gericht verantworten muss. Das deutsche Gesetz sieht die Möglichkeit der Selbstanzeige vor, sie zu nutzen, war ihr gutes Recht.

Doch auch wenn die Sache rechtlich sauber erledigt ist, dürfte sie für Alice Schwarzer schwerwiegende Konsequenzen haben. Jahrzehntelang hat sie für die Gleichberechtigung der Frauen gekämpft, für das Recht auf Abtreibung, die finanzielle Unabhängigkeit, gegen häusliche Gewalt. Sie war dabei stets sehr präsent und laut, ihre Person umstritten und zuletzt auch ihre Themen, wie das geforderte Prostitutionsverbot. Sie hat sich im Laufe der Zeit viele Gegner gemacht – und die stürzen sich nun auf sie. Scheinheiligkeit und Doppelmoral werfen sie ihr vor, zitieren frühere Aussagen Schwarzers über Gerechtigkeit und die Mängel des deutschen Steuersystems.

Tatsächlich fragt man sich, wie sie in Zukunft noch glaubhaft ihre Positionen vertreten soll, der Schatten des Betrugs hängt über ihr. Und das ist das Fatale. Uli Hoeneß zog sich einfach aus den Talkshows zurück, ihm blieben seine Wurstfabrik und die Posten beim FC Bayern. Als die damalige Bischöfin Margot Käßmann mit Alkohol am Steuer erwischt wurde und ihre Glaubwürdigkeit in Frage gestellt sah, trat sie zurück. Alice Schwarzer kann das nicht. Sie lebt von der Öffentlichkeit. Sie braucht sie, um ihren Anliegen Gehör zu verschaffen. Die jetzigen Angriffe schaden nicht nur ihrer Person, sondern auch ihren Positionen.

Schwarzers Entschuldigung empört Öffentlichkeit

Vielleicht wären die Reaktionen nicht so heftig gewesen, hätte sich Alice Schwarzer entschuldigt und Reue gezeigt. Doch mit einem Blogeintrag, den sie kurz nach Bekanntwerden ihres Steuerbetrugs veröffentlichte, machte sie alles noch schlimmer. Sie beginnt mit einer Entschuldigung ­– und holt dann aus zu fragwürdigen Rechtfertigungen und haltlosen Anschuldigungen. Das Konto habe sie angelegt, "in einer Zeit, in der die Hatz gegen mich solche Ausmaße annahm, dass ich ernsthaft dachte: Vielleicht muss ich ins Ausland gehen." Die Veröffentlichung nennt sie "Denunzierung" und "Rufmord", dahinter vermutet sie "politisches Interesse". Statt eine glaubwürdige Entschuldigung zu liefern, gießt sie Öl ins Feuer ihrer Kritiker: Sie werfen ihr neben der Scheinheiligkeit nun auch Selbstgerechtigkeit vor und dass sie sich als Opfer inszeniere.

Damit hat Alice Schwarzer sich die Chance auf schnelle Rehabilitation verbaut. Die Fälle des Ex-Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg und des Ex-Bundespräsidenten Christian Wulff haben gezeigt, dass ein schnelles, aufrichtiges und kompromissloses Eingestehen der eigenen Fehler die bessere Strategie zu sein scheint – und welche Folgen es haben kann, wenn sie ausbleibt: Am Ende droht die Demontage.

Die ersten Konsequenzen bekommt Alice Schwarzer bereits zu spüren: Nach einem Tag haben mehr als 3600 Leute eine Online-Petition unterzeichnet, in der sie aufgefordert wird, das Bundesverdienstkreuz zurückzugeben. Und als sie im Zuge der Debatte bekannt gab, eine Stiftung für Mädchen und Frauen gründen zu wollen, fiel in einer Fernsehsendung das Wort "Geldwäsche".

Wo Alice Schwarzer früher Anerkennung bekommen hätte, erntet sie jetzt Häme und Spott.