Konflikte und Unfälle zwischen Fahrrad- und Autofahrern sind Alltag auf den deutschen Straßen. Irrtümer und Unklarheiten kursieren - nicht zuletzt zur neuen Regel beim Überholen von Fahrrädern. Hier antwortet ein Fachanwalt für Verkehrsrecht auf Ihre Fragen.

  • Dürfen Radfahrer trotz Fahrradweg auf der Straße fahren?
  • Neue Regel beim Überholen von Fahrrädern: Ist das wirklich durchdacht?
  • Dürfen Radfahrer Autos rechts überholen?
  • Warum haben Fahrräder kein Kennzeichen?
  • Wie bildet man eine Rettungsgasse?
  • Darf ich beim Fahren das Radio bedienen?
  • Viele halten sich nicht Rechtsfahrgebot - was kann ich tun?

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Häufige Irrtümer über das Verkehrsrecht führen nicht nur zu Stress und Konflikten, sondern tagtäglich zu gefährlichen Situationen auf unseren Straßen.

Auch unsere Leser wenden sich mit Fragen und ihrem Ärger an unsere Redaktion: Was tun, wenn andere die Vorschriften missachten? Ist die neue Regel zum Überholen von Fahrrädern durchdacht?

Hier antwortet Albert Cermak, Fachanwalt für Verkehrsrecht in München. Am Ende des Textes haben auch Sie die Möglichkeit, uns Ihre Frage zu schicken!

Müssen Fahrradfahrer den Radweg benutzen?

Leserfrage: "Ich beobachte es häufig, vor allem auf der Landstraße: Selbsternannte Radrennfahrer fahren auf der Straße - oft sogar im Pulk zu dritt oder viert nebeneinander - obwohl ein gut ausgebauter Fahrradweg zur Verfügung steht. Dürfen sie das? Was kann man dagegen tun? Anzeigen geht nicht, da Fahrräder keine Kennzeichen haben."

Bei diesem Schild gilt: Radfahrer müssen den Fahrradweg benutzen.

Tatsächlich besteht für Radfahrer nur die Pflicht, Radwege zu benutzen, wenn dies durch das Zeichen Nummer 237 (oder die Zeichen 240 und 241 zur gemeinsamen Nutzung des Fußgänger- und Fahrradwegs) angeordnet wird - vergleiche § 2 Absatz 4 der Straßenverkehrsordnung (StVO). Dort ist auch geregelt, dass Radfahrer nur nebeneinander fahren dürfen, wenn dadurch der Verkehr nicht behindert wird.

  • Info: Auf der Seite Radfahren.de finden Sie die genannten Schilder im Detail aufgeführt.

In sogenannten "geschlossenen Verbänden" von mehr als 15 Radfahrern dürfen die Radler aber immer zu zweit nebeneinander fahren, vgl. § 27 StVO.

Angezeigt werden kann natürlich jeder Verstoß im Straßenverkehr. Ob die Anzeige jedoch Erfolg hat, hängt auch von der Beweislage ab. Wenn Ihnen ein Verstoß auffällt, den Sie zur Anzeige bringen möchten, rufen Sie im Zweifel die 110 an und klären die mögliche Vorgehensweise ab.

Abstand beim Überholen von Fahrrädern: Fragen zur neuen Regel

"Seit Kurzem gilt ja die neue Regel, beim Überholen 1,5 Meter Abstand zu Fahrradfahrern einzuhalten. Dabei gerät man häufig auf die Gegenfahrbahn. Ist das nicht gefährlich? Wozu wurde diese Regel eingeführt?"

Die Vorschrift wurde schlichtweg zur Stärkung der Fahrradfahrer als Verkehrsteilnehmer eingeführt. Fahrradfahrer sind vollwertige Fahrzeuge im Straßenverkehr. Wie bei jedem Überholvorgang muss der Überholende ausschließen, dass es zur Gefährdung des Gegenverkehrs kommt. Ist kein gefahrloses Überholen möglich, darf nicht überholt werden.

"Zur neuen Regelung beim Überholen habe ich eine Frage, die bis dato nirgends beantwortet wurde: Ist ein Fahrradweg vorhanden, fährt der Radfahrer tendenziell eher in der Mitte des Weges und nicht ganz rechts. Der nun erforderliche Abstand von 1,5 Metern ist dann häufig nicht gegeben. Darf ich ihn als Autofahrer trotz separater Spur tatsächlich auch nicht überholen?

So lautet die Regel nach § 5 Absatz 4 StVO:

  • "Beim Überholen mit Kraftfahrzeugen von zu Fuß Gehenden, Rad Fahrenden und Elektrokleinstfahrzeug Führenden beträgt der ausreichende Seitenabstand innerorts mindestens 1,5 m und außerorts mindestens zwei Meter. An Kreuzungen und Einmündungen kommt Satz 3 nicht zur Anwendung, sofern Rad Fahrende dort wartende Kraftfahrzeuge nach Absatz 8 rechts überholt haben oder neben ihnen zum Stillstand gekommen sind. Wer überholt, muss sich so bald wie möglich wieder nach rechts einordnen. Wer überholt, darf dabei denjenigen, der überholt wird, nicht behindern."

Es kommt also auf den tatsächlichen Abstand an. Letztendlich ist es hier Aufgabe der Verkehrsplanungsbehörden für solche Begebenheiten zu sorgen, dass alle Verkehrsteilnehmer sich an die Verkehrsregeln halten können und trotzdem der Verkehrsfluss gewahrt wird.

Zudem gilt für alle das Gebot der gegenseitigen Rücksichtnahme aus § 1 StVO, das leider vielen Verkehrsteilnehmern unbekannt zu sein scheint:

  • "Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht. (2) Wer am Verkehr teilnimmt hat sich so zu verhalten, dass kein Anderer geschädigt, gefährdet oder mehr, als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt wird."

"Gilt die neue Regel auch im Umkehrschluss für Radfahrer? Wenn ich gezwungen bin, langsam zu fahren, werde ich immer wieder mit deutlich weniger Abstand von Radfahrern überholt - sowohl links, als auch rechts. Da wird einem angst und bange. Wer ist in einem solchen Fall Schuld, wenn ein Unfall passiert?"

Fahrräder dürfen unter bestimmten Voraussetzungen rechts überholen, § 5 Absatz 8 StVO:

  • "Ist ausreichender Raum vorhanden, dürfen Rad Fahrende und Mofa Fahrende die Fahrzeuge, die auf dem rechten Fahrstreifen warten, mit mäßiger Geschwindigkeit und besonderer Vorsicht rechts überholen."

Wie oben erwähnt, gilt in solchen Fällen auch eine Ausnahme von den 1,5 Metern Abstand. Für den Radfahrer gelten ansonsten die gleichen Regeln beim Überholen wie für Kraftfahrzeuge. Wenn durch einen unsachgemäßen Überholvorgang ein Unfall verursacht wird, haftet der Radfahrer.

"Das neue Gesetz ist in der Praxis nicht durchführbar. Auf einer Strecke in meiner Nähe - drei Kilometer durchgezogene Line, bergauf, kurvig - sind viele Moped- und Radfahrer unterwegs. Die Fahrbahnbreite beträgt etwa viereinhalb Meter. Man müsste hier für ca. 20 Minuten hinter den Fahrrädern fahren, um sich an die Regel zu halten! Das macht niemand. Ich habe mich an das Verkehrsministerium gewandt, das mich an die zuständige Behörde verwies. Meine zweite Mail dazu blieb unbeantwortet. Was ist Ihre Sichtweise und haben Sie einen Rat?"

Gesetze sollen möglichst viele Fälle regeln, sind aber leider nicht immer und überall gleichermaßen gut anwendbar. Die Verkehrsplanung hinkt hier offensichtlich dem Gesetz hinterher. Wenn Sie durch direkte Anfragen bei den Behörden kein Gehör finden, empfehle ich, es über einen Automobilclub zu versuchen.

Warum haben Fahrräder kein Kennzeichen?

"Sie haben erläutert, dass Radfahrer als ,vollwertige Fahrzeuge im Straßenverkehr' gelten. Warum sind dann ihre ,Fahrzeuge' nicht versteuert und nicht mit einem Kennzeichen versehen? Radfahrer können auf diese Weise schnell von Unfallorten fliehen, ohne, dass andere Verkehrsteilnehmer die Möglichkeit hätten, sie zu identifizieren.

Fahrräder sind vollwertige "Fahrzeuge" im Straßenverkehr im Sinne des Paragraphen 2 der StVO. Für Sie gelten grundsätzlich die selben Regeln wie für andere Fahrzeuge.

Sie sind jedoch keine "Kraftfahrzeuge" und unterliegen somit nicht der Kraftfahrzeugsteuer. Dass Fahrräder keine Kennzeichen haben (und auch keine Pflicht-Haftpflichtversicherung) ist eine rein politische Entscheidung.

Bei einer Unfallflucht würde übrigens ein Kennzeichen nicht zwangsläufig weiterführen. Denn bei der Unfallflucht muss der Fahrer eindeutig identifiziert werden, nicht das Fahrrad.

Wie bildet man eine Rettungsgasse?

"Immer wieder erlebe ich, dass Autofahrer bei Stau beginnen, eine Rettungsgasse zu bilden – andere sich aber nicht daran halten und über die freigewordene Spur überholen. Ab wann ist die Situation für eine Rettungsgasse gegeben?"

Sobald die Fahrzeuge in Schrittgeschwindigkeit fahren oder sich im Stillstand befinden, ist außerorts (auf Autobahnen und Außerortstraßen mit mindestens zwei Fahrstreifen pro Fahrtrichtung) eine Rettungsgasse zu bilden.

"Wie sieht diese Rettungsgasse auf einer dreispurigen Autobahn aus, wenn ein Standstreifen vorhanden ist?"

Die Rettungsgasse ist immer zwischen dem äußerst linken Fahrstreifen und dem Streifen rechts daneben zu bilden. Die Fahrzeuge auf der linken Spur müssen also so weit wie möglich nach links fahren.

Grundsätzlich ist der Standstreifen freizuhalten, da er eben nur zum Stehen da ist. Wenn aber ansonsten keine Rettungsgasse gebildet werden kann, darf er notfalls zur Hälfte mitbenutzt werden. Es gibt dazu keine klare gesetzliche Regelung. Man leitet dies vom Sinn und Zweck der Vorschriften ab.

Ist der Standstreifen allerdings explizit freigegeben, gilt er als normaler Fahrstreifen.

Im "Notfall" über die rote Ampel?

"Zu ihrem Artikel 'Darf ich im Notfall schneller fahren?' habe ich eine Frage: Als meine Mutter 1994 einen Herzinfarkt erlitt, wurde es mir verweigert, im Krankenwagen mitzufahren. Also fuhr ich im eigenen Auto hinterher - und über eine rote Ampel. Ich musste 100 Mark Strafe bezahlen. Die Straßen waren leer. War das rechtens?"

Das Hinterherfahren hinter dem Rettungswagen stellt keinen Fall des Notstands dar, der einen Rotlichtverstoß rechtfertigen und damit straffrei machen würde.

Die Gesundheit des Patienten hängt schlichtweg nicht davon ab, dass etwa ein hinterherfahrender Angehöriger gleichzeitig mit dem Patienten im Krankenhaus ankommt. Die Gefahr für den Straßenverkehr, die ein solcher Rotlichtverstoß mit sich bringt, ist nicht hinnehmbar.

Darf ich Radio und Navi beim Fahren bedienen?

"Ohne Freisprechanlage zu telefonieren, während man fährt, ist natürlich verboten. Aber wie sieht es mit der Bedienung anderer Geräte aus: Radio, Navi und sonstige Screens? Kann so etwas überhaupt überprüft und geahndet werden?"

Was viele nicht wissen: Auch die Bedienung anderer Geräte als Smartphones ist mittlerweile nur sehr eingeschränkt erlaubt. §23 Abs.1a StVO besagt zusammengefasst:

  • Jegliche elektronische Geräte, die der Kommunikation, Information oder Organisation dienen oder zu dienen bestimmt sind, dürfen nur benutzt werden, wenn sie dafür nicht in die Hand genommen werden müssen. Zudem müssen sie über eine Sprachsteuerung oder Vorlesefunktion nutzbar sein - oder es muss lediglich ein kurzer Blick erfolgen, der den Fahrer nicht vom Verkehrsgeschehen ablenkt.

In der Praxis wird meist darauf abgestellt, ob Tippbewegungen erkennbar sind. So ist etwa das Schreiben einer Kurznachricht, während das Handy in der Halterung ist, nicht erlaubt. Letztendlich soll jegliche Ablenkung durch elektronische Geräte vermieden werden. Wer dagegen verstößt, muss im Regelfall mit 100 Euro Bußgeld und einem Punkt in Flensburg rechnen.

Rechtsfahrgebot: Was tun bei einem Verstoß?

"Es ist zunehmend zu beobachten, dass Autofahrer sich nicht an das Rechtsfahrgebot halten, den mittleren Fahrstreifen blockieren und nicht nach rechts ausweichen. Lohnt es sich, in solchen Fällen das Kennzeichen zu notieren? Was droht Fahrern, die das Rechtsfahrgebot missachten?"

Das Rechtsfahrgebot ist neben dem Gebot der gegenseitigen Rücksichtnahme eines der Grundprinzipien im deutschen Straßenverkehrsrecht.

Albert Cermak ist Fachanwalt für Verkehrsrecht in München und beantwortet hier Ihre Fragen.

Bei einem Verstoß drohen 80 EUR Bußgeld und ein Punkt in Flensburg. Bei einem hartnäckigen Blockieren von Spuren kann sich eine Anzeige also durchaus spürbar auswirken.

Abzuraten ist von Versuchen, den Vorausfahrenden durch zu nahes Auffahren zum Freimachen der Spur zu bewegen. Das kann den Straftatbestand der Nötigung erfüllen und zu Geldstrafen führen, die individuell nach Tagessätzen bestimmt werden und bei etwa einem Nettomonatsgehalt liegen. Zusätzlich gibt es meist ein ein- bis dreimonatiges Fahrverbot. (af)

Zur Person: Albert Cermak ist Fachanwalt für Verkehrs- und Arbeitsrecht in München.

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