"Kann die Welt Batterien für Elektroautos auch ohne China herstellen?" Der Titel der Story aus der New York Times klingt banal. Doch die Antwort auf diese Frage legt ein gigantisches Ungleichgewicht in der Batterie-Lieferkette offen. Unabhängig von China könne demnach wohl kein Land werden.

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Wenn die Batterie der Schlüssel zur Mobilitäts- und Energiewende ist, dann habe nur China die Kontrolle darüber. Dort sei man "so weit voraus, seltene Mineralien abzubauen, Ingenieure auszubilden und riesige Fabriken zu bauen, dass der Rest der Welt Jahrzehnte bräuchte, um aufzuholen." Bei diesen beängstigen Thesen bleibt es nicht. Die Reporter schlüsseln stattdessen die Produktionskette genau auf – von der Rohstoff-Gewinnung bis hin zum Bau eines Elektroautos, das Lithium-Ionen-Batterien verwendet.

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China herrscht über Versorgungslage

Chinas Dominanz auf diesem Gebiet beginnt bei der Rohstoffgewinnung von Mineralen und seltenen Erden. Bei Kobalt, Lithium oder Nickel haben die Chinesen mittlerweile mehrheitlich die Versorgungskontrolle. Laut NYT befinden sich nicht nur 41 Prozent des weltweiten Kobalt-Abbaus in chinesischem Besitz, sondern auch der größte Teil des Lithiumabbaus. Raffiniert werden sogar 71 Prozent des weltweiten Kobalts in China.

Anders als westliche Länder schreckt China bei der Beschaffung dieser wichtigen Rohstoffe nicht vor Ländern mit instabilen Regierungen oder schlechten Arbeitspraktiken zurück. Und obendrein greift das Land auf staatliche Mittel zurück, um Anteile an Bergbau-Unternehmen auf allen fünf Kontinenten zu erwerben, während der Westen traditionell auf die Macht der freien Privatwirtschaft vertraut. Viel früher als Europa oder die USA fuhren die Chinesen zudem die Produktionskapazitäten der Batteriefertigung hoch. Europa beginnt damit erst jetzt, wie die Bilder in der Fotogalerie zeigen.

Verarbeitung und Veredelung in chinesischer Hand

Allein mit den Rohstoffen können natürlich noch keine hochwertigen Batterien gebaut werden. Hierzu braucht es hochkomplexe Zwischenschritte der Verarbeitung und Veredelung. Sogar in diesem Bereich hat China mittlerweile die Oberhand – vor allem wegen der großen Verarbeitungskapazitäten, die schon im Laufe des vergangenen Jahrzehnts aufgebaut wurden.

Der Bau einer Raffinerie dauert nach westlichen Maßstäben etwa zwei bis fünf Jahre. Hinzu kommt ausreichend Zeit für die Ausbildung und Schulung der vielen Mitarbeiter sowie die Anpassung von Ausrüstung und Werkzeugen. Die folgende Übersicht stammt von der New York Times und zeigt die chinesische Dominanz in allen Bereichen der Produktionskette.

  • Kobaltabbau: 41 Prozent in chinesischem Besitz (weltweit)
  • Kobalt-Raffination: 73 Prozent in China
  • Kathoden: 77 Prozent in China hergestellt
  • Anoden: 92 Prozent in China hergestellt
  • Batteriezellen: 66 Prozent in China montiert
  • Elektroautos: 54 Prozent in China gebaut

Bei Elektroauto-Produktion vorn

China ist längst zum größten Markt für Elektroautos geworden. Profiteur dieses E-Booms ist vor allem das Land selbst. Denn nahezu alle Stromer auf den Straßen entstammen einer chinesischen Produktionsstätte. Zudem verstecken sich in fast allen E-Autos Traktionsbatterien, die ebenfalls Chinesen herstellten. Schon im Jahr 2015 hatte Peking Richtlinien erlassen, die ausländische Konkurrenten blockierten und die inländische Verbrauchernachfrage steigen ließen.

Jetzt, wo Käufer von Elektroautos in China Steuernachlässe erhalten, eine günstigere Fahrzeugzulassung, bevorzugtes Parken und Zugang zu einem umfassenden Ladenetz, explodieren die Produktions- und Verkaufszahlen. Der Zugang zu diesem wichtigsten und größten E-Automarkt der Welt wird für ausländische Unternehmen also immer schwieriger.

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Zusammenarbeit mit China zwangsläufig

Und China steckt weiter viel mehr Geld als andere Länder in den Ausbau dieser Vormachtstellung, die Produktionsketten und die Batterieforschung. Das Fazit des Artikels aus der New York Times ist gleichzeitig auch die Antwort auf die eingangs gestellte Frage: "Kann die Welt auch ohne China Batterien für Elektroautos herstellen?" Für kein Land der Welt dürfte es in Zukunft möglich sein, sich ganz von dieser Lieferketten-Dominanz zu lösen. Eine Zusammenarbeit mit China ist also unausweichlich, wenn man erfolgreich Elektrofahrzeuge bauen will.  © auto motor und sport

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