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04.07.2012, 18:19 Uhr

Nie mehr Wembley-Tor: Fußball vor Regel-Revolution

Zürich (dpa) - Joseph Blatter will ruhig schlafen können. Bitterböse Schlagzeilen von Torklau und Schiedsrichtern mit Tomaten auf den Augen sollen ein für alle Mal der Vergangenheit angehören.

Die mit Spannung erwartete Entscheidung des International Football Association Board (IFAB) zur Einführung der Torlinientechnologie am Donnerstag könnte zur größten Regel-Revolution im Fußball seit Jahrzehnten werden.

"Das IFAB wird am 5. Juli darüber befinden - bin zuversichtlich, dass die Zeichen der Zeit erkannt werden", teilte FIFA-Chef Blatter per Twitter seine nach Jahren der Wankelmütigkeit nun unumstößliche Meinung mit. Doch der letzte Widerstand ist noch nicht gebrochen. Größter Gegenspieler Blatters ist ausgerechnet sein ehemaliger Funktionärszögling Michel Platini, der als UEFA-Chef Stimmung gegen die Technik-Einführung macht.

Der Fußball steckt tatsächlich im Entscheidungs-Dilemma. Offensichtliche Tor-Fehlentscheidungen wie zuletzt beim EM-Spiel der Ukraine gegen England (0:1) sorgen für großen Wirbel. Auch Blatter gab seine technikfeindliche Haltung erst vor zwei Jahren auf, als ihm das englische "Wembley-Tor" in Bloemfontein gegen Deutschland seine WM-Party zu vermiesen drohte. "Nach dem Spiel gestern Abend ist GLT keine Alternative mehr, sondern eine Notwendigkeit", twitterte Blatter nach dem Ukraine-England-Spiel.

Auch die Zweifel an der Zuverlässigkeit der technischen Systeme Hawk-Eye und GoalRef sind nach jahrelangen Diskussionen und diversen Praxis-Tests mittlerweile zerstreut. Doch die nationalen Fußball-Funktionäre verlangen Sicherheiten. In welchen Ligen und welchen Wettbewerben sollen Schiedsrichter das entscheidende Tor-Signal erhalten? Wann soll die Technik verbindlich angewendet werden? Und am wichtigsten: Wer steht für die zu erwartenden Millionenkosten gerade?

"Es ist allerdings unerlässlich, dass neben den technischen Grundlagen auch die sportlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen praxisnah und trotzdem verbindlich geklärt sind", sagte Ligapräsident Reinhard Rauball der Nachrichtenagentur dpa. DFB-Chef Wolfgang Niersbach sieht die Lage ähnlich: "Im Grundsatz stehen wir dem Thema offen gegenüber, aber vor einer Entscheidung müssen die vielen noch offenen Fragen beantwortet werden."

Wie groß die Meinungsunterschiede zum Thema sind, offenbarte sich auch am Mittwoch bei der Pressekonferenz des deutschen Meisters Borussia Dortmund. Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke steht der Technik-Hilfe eher skeptisch gegenüber, Sportdirektor Michael Zorc sieht mehr Vorteile, und Jürgen Klopp ist es im Grunde egal. "Wenn die technische Hilfe kommt, ist es kein Problem. Wenn nicht, werde ich trotzdem weitermachen", sagte der BVB-Trainer.

Die Schiedsrichter-Gilde hatte sich meist offen für technische Hilfen gezeigt. Ex-Referee Markus Merk sagte dem Radiosender Bayern 3: "Ich wünsche mir für die Gerechtigkeit im Fußball und auch für die Entlastung der Schiedsrichter und das Fairplay den ersten Schritt in die richtige Richtung. Klar, wir brauchen technische Hilfsmittel, um bei markanten Spielen auf Tor entscheiden zu können."

Soll die Torkamera eingeführt werden?

Soll die Torkamera eingeführt werden?

Tool

Angesichts der Differenzen zwischen FIFA und UEFA droht womöglich eine wachsweiche Lösung, die unterschiedliche Systeme bei unterschiedlichen Wettbewerben zulässt, damit alle Fußball-Bosse ihr Gesicht wahren. "Ich bin aber für eine Regelung für alle, oder man lässt es, wie es ist", mahnte Bayern Münchens Manager Uli Hoeneß vor einem Regelchaos.

Drei Ideen stehen am Donnerstag bei der IFAB-Sitzung zur Beratung. Das im Tennis erprobte Hawk-Eye aus England und GoalRef, ein vom Frauenhofer Institut entwickeltes System mit Magnetspulen im Ball, sind die technischen Varianten, die Schiedsrichter künftig die wichtigste Entscheidung des Fußballsports abnehmen können. Die UEFA drängt auf Bewahrung der menschlichen Entscheidungskompetenz mit den Torlinien-Assistenten.

Doch selbst Fußball-Traditionalisten sehen den Status quo kritisch. "Die Kamera ist ein Mittel, das klare Verhältnisse schaffen kann. Das Schlimme ist ja, dass trotz Torrichter die Treffer angeblich nicht gesehen werden", sagte DFB-Ehrenspielführer Uwe Seeler der dpa.

Das IFAB steht bei der Entscheidung auch unter einem gewissen Druck. Top-Funktionäre wie DFB-Ex-Präsident Theo Zwanziger fordern eine Reform des ultrakonservativen Gremiums, das seit 1866 über alle Regelfragen befindet - und den Fußball vor großen Veränderungen bewahrte. Vier FIFA-Vertreter - darunter immer der Präsident - und je ein Gesandter der Verbände aus England, Schottland, Wales und Nordirland sind die Gralshüter der Fußball-Gesetze. Für eine Einführung der Tortechnik sind am Donnerstag sechs Stimmen notwendig.

Alle News vom: 4. Juli 2012 Zur Übersicht: Sport

29 Meinungen zu "Nie mehr Wembley-Tor?"

  • pinbot
    Donnerstag, 05.07.2012, 17:47 Uhr
    Technik darf nur eingreifen, wenn ein Tor erzielt wird - alles andere unterbricht evtl. zu Unrecht ein fliessendes Spiel. Beispiel: Nach strittiger Situation schlägt der Keeper ab, der vielversprechende Konter wird aber unterbrochen, um den Videobeweis zu sichten. Und nu? Weiterspielen lassen bis zu einer Unterbrechung, und alles, was bis dahin passierte, ggfs. streichen? Auch gelbe/rote Karten und auch ein Tor, das dann "irregulär" gefallen wäre? Undurchführbar. Chiperkennung, ob drin oder nicht. Weiter nichts...meine Meinung.
  • TheFrontline
    Donnerstag, 05.07.2012, 14:37 Uhr
    Gegen "Torlinientechnik" habe ich grundsätzlich nichts. Trotzdem bin ich absolut dagegen, denn es ist der Schritt in die falsche Richtung. Demnächst gibt es dann noch den Videobeweis, Laser-Spielfeldlinien (Einwurf usw.),...bis irgendwann Özil & co. nurnoch vor ihrer "Playstation" o.ä. stehen und ihre Bewegungen vor dem Fernseher ausführen. Beschränkt dann das Verletzungsrisiko. Dagegen!
  • ropol
    Donnerstag, 05.07.2012, 12:19 Uhr
    Es darf einfach nicht sein, dass wichtige Spiele durch Dinge entschieden werden, die die Mannschaften nicht beeinflussen können. Wenn ich im Strafraum dem Gegner vor die Füsse spiele und dann ein Tor kassiere oder beim Penaltyschießen den Ball auf den Balkon hinter der Tribüne dresche, dann bin ich halt selber schuld. Aber was soll ich machen, wenn man (wie im Ukraine-Spiel bei der EM) den Ball eindeutig über die Linie schießt und der einzige Mensch auf dem Platz, der das NICHT gesehen hat, am Ende entscheiden muß? Wenn man sich mal überlegt, wieviel (oder wenig) Zeit das Männlein an der Torlinie hat, dann kann man keine sichere Entscheidung erwarten. In wichtigen Spielen muss es sichere Entscheidungen geben!! Dein philosophisches Geschwafel ist ja schön und gut, wenn man nichts damit zu tun hat, lieber "Magdeburg25", aber würdest du das genauso sehen, wenn du durch so eine "lebensbereichernde Erfahrung" am Ende mit leeren Händen auf dem Platz stehst? Wohl kaum, oder?
  • babbelnet
    Donnerstag, 05.07.2012, 11:55 Uhr
    wird auch langsam mal zeit das die torkamera oder der chip im ball eingesetzt wird...
  • Sorgenfrei
    Donnerstag, 05.07.2012, 11:46 Uhr
    Zitat: "Blatter will ruhig schlafen können" Man könnte auch schreiben, ein Tiger will Vegetarier werden! Wenn Blatter ruhig schlagen will, hätte er in der Vergangenheit und Gegenwart mehr Wert auf Recht, Ordnung, Respekt und anderen zwischenmenschlichen Tugenden legen müssen. Er sicherte sich jedoch immer wieder nur seine Macht. Und das mit allen verfügbaren Mitteln. Ob legal oder nicht. Hauptsache sein gewünschtes Ergebnis wurde erzielt. Wenn er geht, kann die Fußballwelt wieder freier atmen.
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