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16.01.2012, 10:50 Uhr

Die Entdeckung der Schnelligkeit in Kooperation mit MensHealth

Am Anfang war der Knall. Dann Stille. Nach dem Startschuss im Berliner Olympiastadion verstreichen gerade einmal 0,146 Sekunden, bis Usain Bolt regelrecht explodiert: Wie ein Gepard springt er aus seinem Startblock und beschleunigt mit mehr als 700 Watt von 0 auf 25 km/h – die Stoppuhr zeigt 2,89 Sekunden. Bald erreicht er seine Höchstgeschwindigkeit von 44,72 km/h und ist einen Wimpernschlag später im Ziel: 9,58 Sekunden über 100 Meter, Weltrekord!

So geschehen im Jahr 2009 bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Berlin. Keiner erreicht dieses Spitzentempo, keiner läuft seinen Schnitt von 37,58 km/h, keiner macht so schnelle und dabei große Schritte wie er. Umgerechnet drückte Bolt mehr als 4-mal pro Sekunde seine Spikes in die Tartanbahn des Olympiastadions – wohlgemerkt: jeweils im Abstand von 2,44 Metern.

Auf den ersten Blick ist Usain Bolt alles andere als schnell. Als Mr. Bolt zum Men's-Health-Shooting ins Münchener Fotostudio schlurft, ist von der Schnelligkeit nichts zu sehen. Alles an dem Mann aus Jamaika wirkt entspannt, ja, fast schon ein wenig träge, würde er am Set nicht gleich zu einem Tänzchen ansetzen, passend zu den Dub-Rhythmen aus der Musikanlage. „Stress mögen wir Jamaikaner gar nicht“, stellt er mit seiner sehr ruhigen, sehr tiefen Stimme klar. Und kommt gleich mit seinem ersten Tipp: „Über die Jahre habe ich gelernt, meine relaxte Art aufs Sprinten zu übertragen. Das ist wichtig, denn zu viel Spannung tut nicht gut.“ Als kleiner Junge war Bolt hibbelig, seine Mutter schleifte ihn deswegen zum Kinderarzt. Der Doc beruhigte sie: „Alles pure Energie.“ Mama Bolt schob’s auf die Süßigkeiten, die sie während der Schwangerschaft gegessen hatte. Die Schokoriegel waren gut investiert, der Arzt hatte Recht: Jahrzehnte später entlädt Sohnemann Bolt seine Energie in der Leichtathletik-Welt wie ein Blitz. Bis in die Welt der Wissenschaft ist das Donnergrollen zu hören – dort gilt er als der neue Prototyp eines Sprinters.

Der größte Vorteil des Sprint-Sportlers: Seine Körpergrösse

Für Biomechaniker wie Professor Gert-Peter Brüggemann von der Deutschen Sporthochschule Köln ist der Körperbau des Jamaikaners perfekt: „Er läuft unglaublich effizient. Die enorme Beinlänge, die Proportionen von Ober- und Unterschenkel, die Hebelverhältnisse: Mit dem 1,95 Meter großen, schlanken Körper holt Usain Bolt bei jedem Schritt auf der Strecke wertvolle Zentimeter im Vergleich zur oft kleineren Konkurrenz.“ Die optimale Kombination aus extremer Schrittlänge und hoher Schrittfrequenz macht ihn derart stark. Gezählt scheinen dagegen die Tage kleiner, muskelbepackter Sprinter wie etwa Maurice Greene (1,75 Meter), Ben Johnson (1,78 Meter) oder Walter Dix: Letztgenannter wiegt bei gerade mal 1,75 Meter stolze 86 Kilo. Er holte bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking zwar immerhin Bronze über die 100 Meter, benötigte dafür aber 6 Schritte mehr als Bolt.

In den letzten 100 Jahren stieg die Körpergröße der 100-Meter-Weltrekordler um 16 Zentimeter. In derselben Zeit wuchs die Bevölkerung im Durchschnitt nur um 4,8 Zentimeter. Eine ähnliche Entwicklung zeigt sich auch in anderen Sportarten: Beim Schwimmen etwa beherrschen immer mehr groß gewachsene Athleten die Szene, hier nahm die Größe der Weltrekord-Halter in 100 Jahren um 11 Zentimeter zu. Wenn 2 Sprintathleten gleich groß sind, kommt die von Forschern beschriebene „wahre Größe“ zum Tragen: der Abstand vom Boden zum Masseschwerpunkt des Körpers. Beim Menschen befindet er sich ungefähr auf Beckenhöhe. Ein weiterer Pluspunkt für Bolt mit seinen rund 1,10 Meter langen Beinen.

Bei Bolt stimmt einfach alles: Muskeln und Energiehaushalt

Auf Basis dieser wissenschaftlichen Erkenntnisse gibt es inzwischen Stimmen, die für die Einführung von Größenklassen beim Sprint plädieren, ähnlich den Gewichtsklassen im Boxsport. Dagegen spricht: Für ein wirklich faires System müsste es viele kleine Klassen mit wenigen Zentimetern Streuung geben. Statt einer einzigen gäbe es dann ein Dutzend Sprintausscheidungen über eine Distanz. Das wäre bei großen Events kaum praktikabel und ginge auf Kosten der Attraktivität des Sports. Aber der Erfolg eines Sprinters wie Usain Bolt ist letztlich nicht allein aus seiner Statur abzuleiten. Für weltrekordnahe Zeiten müssen auch andere Faktoren stimmen, zum Beispiel  die Sauerstoff-Aufnahmekapazität, das Koordinationsvermögen, schnell zuckende Muskelfasern. Die ersten beiden Faktoren lassen sich trainieren, das letztgenannte Merkmal nur bedingt: Die Verteilung von Muskelfasern ist eine Frage der Gene. Bei Spitzensprintern wie Usain Bolt besteht die Muskulatur bis zu 80 Prozent aus weißen Fasern, die sehr leicht sind und nahezu doppelt so schnell arbeiten können wie schwere, rote Muskelfasern. Der Durchschnittsmensch hat von beiden Sorten etwa gleich viel – und kann daran auch durch noch so viel Training nur sehr wenig ändern.

Usain Bolt wurde sowohl von Mutter Natur als auch von Mamas Schokolade während der Schwangerschaft reich bedacht. Dennoch: Die Lauferfolge sind kein Selbstläufer, denn die sensiblen weißen Muskelfasern müssen auch richtig eingesetzt werden. Sie arbeiten zwar schnell, werden aber auch sehr schnell müde und bringen dann überhaupt keine Leistung mehr. Es kommt demnach darauf an, wie der Körper mit seiner Energie während des Rennens haushaltet. Wichtig ist, die Muskulatur in den Bruchteilen einer Sekunde, in der sie zwischen den Schritten nicht oder weniger arbeiten muss, zu entspannen. Das aber lässt sich nur bedingt aktiv steuern. Was da hilft, ist die selbstverständliche Lockerheit, mit der Top-Sprinter Bolt in seinen Startblock steigt: „Mein Körper ist für mich so etwas wie ein Rennwagen. Ich weiß, dass er mich schnell über die Strecke bringt und sein gesamtes Potenzial für mich ausschöpft, wenn ich ihn in der Saison ausreichend getunt und alle Stellschrauben richtig bedient habe“, sagt Bolt.

Das Erfolgsrezept des Super-Sprinters: Seine Gelassenheit

Erkennbar wird Usain Bolts gelebte Tiefenentspannung immer dann, wenn bei anderen die Nerven flattern. In wichtigen Finalläufen, beispielsweise in Berlin: Während der Rest des Starterfeldes (darunter der jamaikanische Teamkollege und vorherige Weltrekordhalter Asafa Powell sowie Ex-Weltmeister Tyson Gay aus den USA) nervös hin und her schleicht, wirkt Bolt so ausgeglichen, als würde er an einer Haltestelle irgendwo in Kingston Town auf den Bus warten. Mentales Training? Für die Ruhe selbst namens Bolt kein Thema. Auf die Frage, ob er je Angst vor einem Gegner hatte, antwortet er, von der Frage offensichtlich verwirrt: „Angst? Angst ist völlig sinnlos. Wer am Start nicht an sich glaubt, hat schon verloren. Ich gehe in jedes Rennen mit Zuversicht. Ich weiß dass ich gewinnen will, weiß, dass ich gewinnen werde. Nichts anderes.“

Diese Entschlossenheit zieht Bolt aus seiner langjährigen, harten Trainingserfahrung. Schon als kleiner Junge wetzte er über die Insel. Mit 15 Jahren holte er, als jüngster Läufer überhaupt, Gold bei der Junioren-WM über seine eigentliche Paradedisziplin, die 200 Meter.

Das ambitionierte jamaikanische Fördersystem für die Jugend trägt seinen Teil dazu bei: Leichtathletik ist im Karibikstaat neben Fußball die beliebteste Sportart. Viele Kinder versuchen, in den unzähligen Ausscheidungswettkämpfen einen begehrten Stipendiumsplatz zu ergattern. Wie wichtig Leichtathletik für Jamaika ist, mögen diese Zahlen zeigen: 54 von 55 olympischen Medaillen für das Land holten Leichtathleten, 53 davon in Sprint- und Hürdenlauf-Disziplinen. Bei den letzten Olympischen Spielen war Jamaika im Medaillenspiegel – bezogen auf die Einwohnerzahl eines Landes – mit Abstand die Nummer 1. Logische Konsequenz dieses Systems: Bolt.

Der härteste Kontrahent des Jamaikaners ist – er selbst!

Seine karibische Lässigkeit nimmt allerdings bisweilen überhand: So hielt es Bolt vor den Olympischen Spielen in Peking oder vor der Weltmeisterschaft in Berlin nicht so genau mit Ernährung, Schlaf und allgemeiner Wettkampfvorbereitung. Als Athlet kokettierte er vor Pressevertretern mit seinem Konsum von frittiertem Hähnchenfleisch, wärmte sich vor den Finalläufen kaum auf und ging die Nacht zuvor schon mal sehr spät ins Bett. Mittlerweile merkt Bolt aber, dass er auf Dauer nicht an wissenschaftlichen Erkenntnissen vorbeisprinten kann: „Ich mag Fast Food, konnte es früher aber besser verarbeiten. Heute denke ich um. Seit letztem Jahr habe ich einen Koch an meiner Seite. Der überzeugt mich immer wieder davon, dass es gut ist, leicht zu essen, mehr und regelmäßig Früchte und Gemüse.“ Spätestens seit dem letzten Jahr, als ihm eine Blessur im unteren Rückenbereich die Saison verhagelte und eine Niederlage gegen Tyson Gay einbrachte, steht zudem das ungeliebte Krafttraining bei Bolt hoch im Kurs. Der Rumpf bedarf besonderer Zuwendung, da beim Sprinten enorme Kräfte wirken. Bolt: „Ich tue jetzt sehr viel für die Körpermitte. Wir arbeiten mit verschiedenen Methoden, so etwa auch mit Schwerpunkt-Monaten: In einem fokussieren wir uns beispielsweise auf Maximalkraft, im nächsten auf Explosivität.“

Jeder Tag ist für Bolt ein Trainingstag. Er steht gegen 9.30 Uhr auf und geht dann zum Krafttraining ins Studio. Nach ein bis anderthalb Stunden zieht's ihn wieder nach Hause. Ausruhen, einen Happen essen. Danach hat er 3 Stunden Lauftraining. 3 Stunden laufen? Einer, dem schon 10 Sekunden zu viel sind? Tatsächlich besteht die meiste Zeit von Bolts Lauftraining aus Pausen, denn damit hochintensive Sprintläufe optimale Wirksamkeit entfalten können, muss sich zwischendurch der Körper immer wieder vollständig erholen. Gelaufen wird also in kleinen Häppchen: „Auf der Laufbahn machen wir Tempotraining mit 60-, 110- oder 150-Meter-Einheiten. Die längste Strecke im Training sind 350 Meter. Das ist dann meine Ausdauereinheit“, sagt Bolt, der zu Highschool-Zeiten auch einmal am jamaikanischen Reggae-Marathon teilgenommen hat. „Natürlich nur über die Halbmarathon-Distanz und das auch nur wegen der guten Stimmung am Rande. Außerdem bin ich die meiste Zeit nur gegangen oder habe getanzt“, fügt der Fan von Hip-Hop-Klängen hinzu.

Usain Bolt hat ein grosses Ziel: Er will (noch) schneller werden

Was gibt's für den schnellsten Mann der Welt überhaupt zu verbessern? „Ich komme oft zu lahm aus dem Startblock. Da will ich beständig besser werden. Auch die ersten 40 Meter sind ausbaufähig  – ich möchte einfach noch schneller Höchstgeschwindigkeit erreichen. Der Rest läuft schon ganz gut“, meint Bolt. Wenn also alles stimmt, die Ernährung, das Training, die ersten 40 Meter: Welche Zeiten sind in Zukunft noch machbar? Wie schnell kann Usain Bolt, kann ein Mensch laufen? Seit es 100-Meter-Wettkämpfe gibt, werden Prognosen abgegeben, wo die Schallgrenze menschlicher Leistungsfähigkeit liegen mag. Viele davon sind heute Schall und Rauch: Vor 80 Jahren wähnten Sportwissenschaftler die Grenze des Machbaren bei 10,1 Sekunden, vor 3 Jahren noch sagten Forscher ein Ende der Rekordjagd bei 9,726 voraus. Dann kam Bolt.

Heute pendeln sich einige Studien im Bereich von 9,50 Sekunden ein. Sportmediziner der Southern Methodist University in Dallas wiederum erklärten, ein Mensch könne theoretisch schneller als 60 km/h laufen, wäre so locker unter 9 Sekunden im Ziel. Wieder andere sagen: Es gibt kein Limit. Und was sagt der schnellste Mann der Welt dazu? „Keine Ahnung. Ich kann mir vorstellen, eine 9,40er-Zeit zu laufen.“ Weltrekorde, beteuert Bolt immer wieder, seien ihm nicht wichtig. Für sein eigentliches sportliches Ziel sind sie aber auch nicht hinderlich: „Ich will eine Sportlegende werden“, brummt es mit tiefer Überzeugung aus ihm heraus. Und seine Augen glänzen in diesem Moment ein bisschen mehr als sonst. Und was passiert, wenn seine Laufbahn auf derselben vorbei ist? „Da will ich mehr Fußball spielen. Ich liebe es, aber mein Trainer sieht es nicht gerne, wegen der Verletzungsgefahr. Vielleicht schnuppere ich auch einmal beim Weitsprung rein.“ Einige Sekunden vergehen, dann setzt seine relaxte Bass-Stimme neu an, der Glanz in seinen Augen nimmt zu, und Bolt verkündet seine wahre Bestimmung: „Wenn ich meine Laufschuhe eines Tages an den Nagel hänge, möchte ich ein Restaurant auf Jamaika besitzen, direkt am Strand. Da schmeißen dann andere für mich den Laden, und ich kann endlich die Füße hochlegen.“

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