Klein ist er wahrlich nicht: der Kis-Balaton im Westen Ungarns. Das bedeutende und schützenswerte Feuchtgebiet kann stolz sein, den Titel drittgrößtes Schilfgebiet Europas zu tragen.

Kleiner Plattensee begeistert durch seine Flora und Fauna.

Nur das Donaudelta und die Camargue können ein größeres Areal für sich verbuchen. Auf einer Fläche von 75 km² tummeln sich am Kleinen Plattensee in ursprünglicher Natur unzählige seltene Pflanzen- und Tierarten, darunter mehr als 100 Wasserbüffel.

Ein noch eher unbekanntes Kleinod in der Region Transdanubien, voll lebendiger Pracht aus Farben und Geräuschen.

Erfolgreicher Naturschutz

Dabei sah es nicht gerade ersprießlich aus für das seit Dutzenden von Jahrhunderten bestehende Sumpfgebiet, welches sich nur knapp 200 km von Budapest entfernt befindet und seit jeher mit dem "großen" Balaton verbunden war. Mitte des 20. Jahrhunderts kam es durch umfangreiche Eingriffe des Menschen zu weitreichenden negativen ökologischen Folgen. Am Ende blieb nur eine kleine schilfbestandene Sumpfregion mit einer winzigen Wasserfläche von einem halbem Quadratkilometer übrig. Die Uhr tickte und tickte. Gnadenlos. Die Zeiger standen auf fünf vor zwölf. Die Zeit zum Handeln war gekommen, um eine einzigartige Naturlandschaft vor dem Verschwinden zu retten.

Büffel: Den Büffeln ist es womöglich egal, denn ihnen fehlt es an nichts, sommers wie winters.

Dank eines einzigartigen Projektes zur Renaturierung, das 1976 begonnen wurde, und durch die seit 1997 bestehende Zugehörigkeit zum Nationalpark Balaton-Oberland erholte sich die Region in den letzten Jahrzehnten Schritt für Schritt. Die natürliche Funktion als Wasserschutz- und Reinigungssystem für den Plattensee stellte sich wieder ein, und nach Wiederherstellung des ökologischen Gleichgewichts erschien erneut eine unglaubliche Fülle an seltenen Tieren und Pflanzen auf der Naturbühne. Grund genug, das Gebiet 1979 in das Ramsarer Übereinkommen zum Schutz international bedeutsamer Feuchtgebiete aufzunehmen.

Der Kis-Balaton zeigt Größe

Heute braucht sich der kleine Bruder des großen Plattensees vor seinem bekannten Verwandten nicht zu verstecken. Im Gegenteil: Der Kis-Balaton, durch den Hídvéger und den Fenéker See und dem Fluss Zala mit dem Balaton, dem größten Binnensee Mittel- und Westeuropas, verbunden, fasziniert auf ganzem Areal. Bei einer kurzen Radtour entlang der Zala eröffnet sich immer wieder ein herrlicher Blick über den Hídvéger See und über die weite Schilflandschaft. In der Ferne erhebt sich der Kirchturm von Zalavár, ein Kuckuck ruft und am Uferrand steigt ein aufgeschreckter Silberreiher empor. Mit etwas Glück erspäht man auch die völlig harmlose Würfelnatter, wie sie sich schnell und nahezu lautlos von ihrem Sonnenplatz ins sichere Wasser schlängelt. Auf der kurzen, etwa 5 km langen Strecke erhebt sich an einer Schleuse ein hölzerner Aussichtsturm, dessen "Besteigung" sich lohnt, um ausgerüstet mit einem Fernglas weitere tierische Preziosen entdecken zu können.

Thilo Scheu liebt das Reisen, die Menschen und ihre Geschichten. Seit seiner Jugend ist der heutige Reisejournalist und Buchautor in der Welt unterwegs, sucht das Besondere oder einfach nur einen magischen Moment. Sein Zuhause ist jedoch das Rheinland.

Wer noch mehr Natur und seltene Vogel- und Pflanzenarten wie den Seeadler, den Kormoran oder die Echte Mondraute unter die Lupe beziehungsweise das Spektiv nehmen möchte, dem sei eine geführte Tour durch das ansonsten gesperrte und geschützte Areal des Kis-Balaton ans Herz gelegt. Rund 250 Vogelarten, davon mehr als 20 streng geschützte Spezies, singen und schweigen in Wipfeln und Geäst von Eichen, Erlen, Pappeln und Weiden. Im nahegelegenen Zalavár steht nicht nur die aus der Ferne ansehnliche kleine Kirche, sondern auch das Kis-Balaton-Haus. Wie der Name erahnen lässt, findet der Besucher hier viele Antworten auf Fragen rund um das Reservat aus Sumpf, Schilf und Wasserfläche. Auch Kinder erfahren auf anschauliche und spielerische Weise Spannendes und Interessantes über die ökologischen Zusammenhänge und die Artenvielfalt des riesigen Feuchtbiotops.

Ungarisches Temperament

Schnaubend, sich im Schlammwasser erfrischend und gehörig dreckig stehen und liegen sie da: die Büffel der Kápolnapuszta. Hier im Westen Ungarns, südlich der beiden Seen Hídvéger und Fenéker in der Nähe der Ortschaft Balatonmagyaród sind sie zu Hause. Von wildem Westen jedoch zunächst keine Spur. Die Landschaft rund um den Kis-Balaton kommt eher unaufgeregt daher, manchmal gar etwas langweilig, auf keinen Fall spektakulär. Den Büffeln ist es womöglich egal, denn ihnen fehlt es an nichts, sommers wie winters. Über 100 bullige Exemplare leben im Büffelreservat artgerecht auf weit über 100 Hektar Weidefläche. Die leicht wellige saftiggrüne Landschaft mit seinen einzelnen Baumgruppen ist ein idealer Lebensraum für diese ursprünglich aus Asien stammenden Wasserbüffel.

Für ein paar Forint kommt man in den Genuss, mit einem zweispännigen Planwagen und Büffelkennern eine kleine Entdeckertour durch das Büffelreservat zu unternehmen. Aug in Aug mit majestätischen Einzelstücken. Und das birgt durchaus aufregende Augenblicke, die dank fachkundiger Begleitung durch einen beherzten Sprint mit Pferd und Wagen als angenehmes Urlaubsabenteuer in Erinnerung bleiben. Zwar sind die Tiere an Besucher gewöhnt, kommt man ihnen jedoch zu nahe, insbesondere wenn junge Kälber anwesend sind, lodert in ihnen das ungarische Temperament auf, und man sollte sich trollen. Die Kutscher erklären, dass vor allem die Pferde bei einer Attacke im Fokus der aufgebrachten Kolosse ständen. Die Flucht nach vorn erweist sich da als probates Mittel in der Not.

Die Grafenfamilie Festetics

Unweit des Büffelreservates lohnt ein Abstecher zum sehenswerten Barockschloss der Familie Festetics in Keszthely - mit seinen 110 Räumen das drittgrößte Schloss Ungarns. Neben herrschaftlichem Mobiliar und liebevoll gestalteten Zimmern schauen hier und da animalische Gesichter auf den Besucher hinab und lassen auf den nahen Bezug der Familie zu Geschöpfen verschiedenster Couleur schließen. Die ausdrucksstarken Gemälde zeigen Pferde und Rinder auf dem weitläufigen Adelsgut. Bei den mit feinem Strich dargestellten Rindern handelt sich allerdings eher um altungarische Graurinder, die Besucher ebenfalls im Büffelreservat beobachten können. Apropos erkunden: Eine aufregende und gleichzeitig entspannte Möglichkeit das Büffelreservat und die Umgebung rund um den Kis-Balaton kennen zu lernen, ist ein geführter Ausflug mit dem Segway. Angetrieben durch einen Elektromotor und einem leicht schwebenden Gefühl rollt man auf zwei wuchtigen Rädern leise vorbei an Feldern, Wiesen und Weiden.