San Francisco (dpa) - Twitter hat die Welt verändert - und scheitert gerade vor aller Augen beim Versuch, ein tragfähiges Geschäftsmodell aufzubauen.

Die Ergebnisse des vergangenen Vierteljahrs offenbaren, wie tief die Probleme beim Kurznachrichten-Dienst gehen. Die Zahl aktiver Nutzer, die zuletzt von Quartal zu Quartal noch ein wenig zulegte, ging erstmals zurück.

Der Umsatz steigt zwar schnell - aber die Kosten wachsen immer noch schneller, die Verluste stapeln sich auf mehr als eine Milliarde Dollar in den vergangenen zwei Jahren.

Die Entwicklung zeichnete sich bereits ab, als Mitgründer Jack Dorsey im vergangenen Sommer an die Firmenspitze zurückkehrte, zunächst als Zwischenlösung, dann fest. Der Mann, der als Erfinder des Twitter-Prinzips gilt, wurde mit viel Vorschusslorbeeren überschüttet.

Die Investoren und Twitter-Partner hofften, Dorsey werde als Produktvisionär schon alles wieder ins Lot bringen. Ein halbes Jahr später fängt Dorsey erst an, Twitter wieder seinen Stempel aufzudrücken. Und es bleibt offen, ob eine Gewichtung der Tweets nach einem Relevanz-Algorithmus oder eine neue Struktur für Antworten auf Nachrichten die Lösungen sind, die Twitter voranbringen.

Die aktuelle Entwicklung verspricht eine harte Zukunft. "Unsere Arbeit wird Zeit brauchen", räumte Verwaltungsratschef Omid Kordestani ein, der lange Jahre Top-Manager bei Google war. Versiegt der Zustrom neuer Nutzer, kann das zu einem großes Problem für Twitter werden - denn es gibt Grenzen dafür, wie viel Werbung man den bestehenden Mitgliedern zumuten kann. In den Anfangszeiten verzichteten die Gründer ganz auf Werbung, um die Nutzer nicht zu verschrecken. Jetzt tauchen zumindest in den offiziellen Apps von Twitter und der Web-Version von Unternehmen bezahlte Tweets auf - zum Ärger gerade vieler "Power-User" wie Journalisten oder Politiker, die kein Interesse daran haben.

Dorsey steht vor Grundsatz-Fragen: Soll Twitter weiter versuchen, bei den Nutzerzahlen Facebook nachzujagen - oder akzeptieren, dass es verglichen mit dem weltgrößten Online-Netzwerk auch nur ein "Nischen"-Dienst für einige hundert Millionen Menschen sein kann? Soll man noch mehr "promoted Tweets" in den Nachrichtenstrom der Nutzer packen - oder gibt es auch andere Wege, Unternehmen Geld abzuknöpfen? Und was bedeutet der nur noch auf rund zehn Milliarden Dollar geschrumpfte Börsenwert für die Eigenständigkeit zwischen den Giganten der Internet-Branche.

"Twitter geht durch eine Identitätskrise", schrieb jüngst der Gründer der auf soziale Netze spezialisierten Medienagentur Deep Focus, Ian Schafer, in einem Gastbeitrag beim Technologieblog "Recode". Er plädierte dafür, dass Twitter über ein intelligentes Daten-Geschäft nachdenkt, statt die Timelines einfach nur immer weiter mit Werbung zu fluten. "Twitter ist eine Plattform wie keine andere, weil es genug Echtzeit-Informationen hat, die über 300 Millionen aktiven Nutzern zugeordnet werden können."

Twitter hat nach dem Start vor zehn Jahren etwas geschaffen, was es bei aller Entwicklung des Fernsehens und Online-Medien so noch nie gab: Einen Kanal mit globaler Reichweite, in dem jede Nachricht binnen Sekunden von allen gesehen werden kann. "Twitter ist das wichtigste soziale Netzwerk der Welt", stellte deswegen "New York Times"-Kolumnist Farhad Manjoo schlicht nach den aktuellen Zahlen fest.

Zugleich macht die Dimension aber auch die Nutzung des Dienstes anspruchsvoller. Zapft man den ungefilterten Twitter-Strom an, ist es als würde man Millionen Menschen gleichzeitig sprechen können. Die Pflege der Quellen, denen man in einer "Timeline" folgt, kann richtig viel Arbeit machen und ist keine banale Aufgabe. Damit hängt die Planke für alle Anwender ziemlich hoch, die auf Twitter nicht beruflich angewiesen sind. Der Dienst verspricht seit Jahren, den Einstieg für neue Nutzer reibungsloser zu machen - eine gute Lösung statt der anfänglichen Standard-Ausstattung mit einigen Dutzend Promi-Accounts lässt aber noch auf sich warten.

"Vielleicht ist es Twitter einfach nicht dafür gedacht, die populärste Band in der Welt zu sein", gab der Medienunternehmer Anil Dash in der "New York Times" zu bedenken. "Vielleicht sollte es eher Pearl Jam als U2 sein."© dpa